Zum zweihundertste Geburtstag des Dichters am 21. März

Von Hans Mayer

Daß sein eigenes Schreiben als Schöpfung humoristischer Dichtung zu betrachten sei, war für Jean Paul niemals zweifelhaft. Poesie war für Jean Paul, den Dichter wie den Ästhetiker, nur als humoristische Dichtung vorstellbar. Ob es ihm aber gelungen sei, eine epische Kunst des Humors auch wirklich zu schaffen, darüber freilich gingen nach seinem Tode die Meinungen sehr auseinander.

Ludwig Börne allerdings war in seiner berühmten Denkrede, die er für die Frankfurter Jean-Paul-Feier vom 2. Dezember 1825 verfaßt hatte, von der Größe dieser humoristischen Kunst durchdrungen. Er brauchte sich nicht zu fragen, ob Jean Paul wahrhaft ein Humorist gewesen sei: Stärker beschäftigte ihn die Größe und auch Begrenztheit dieses Humors in den damaligen deutschen Verhältnissen.

Genau dreißig Jahre später aber liest man es bereits ganz anders. Julian Schmidts „Geschichte der Deutschen Literatur im neunzehnten Jahrhundert“, deren erster Band 1853 erschienen war, war bei ihren Zeitgenossen ebenso umstritten wie einflußreich. Ferdinand Lassalle schrieb ein eigenes großes Pamphlet gegen Julian Schmidt und die Prinzipien seiner oft recht spießbürgerlichen Betrachtung, aber der Erfolg des Buches zeigte gleichzeitig, daß die literarischen Urteile Julian Schmidts als symptomatisch gelten konnten für die literarischen Wertmaßstäbe des deutschen Bürgertums in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. In der Dichtung selbst vermißt der Literarhistoriker des Jahres 1855 den wirklichen Humor. In der Ästhetik Jean Pauls vermißt er theoretische Klarheit: „In der Vorschule finden wir eine Reihe glänzender Bemerkungen, die gerade ihrer paradoxen Form wegen viel lebhafter in die Augen springen als die folgerichtigen Auseinandersetzungen Schillers und Schlegels, daneben aber die absolute Unfähigkeit, einen logischen Faden festzuhalten, und eine ganz auffallende Unstetigkeit des Urteils.“

Warnung vor der Ästhetik

Georg Gottlieb Gervinus hatte Jean Paul für einen wissenschaftlichen Dilettanten gehalten und gemeint, bei genauerem Studium werde man „bald finden, wie wenig wissenschaftlicher Geist in diesem Manne der Einbildungskraft war“. Das Urteil über die „Vorschule der Ästhetik“ und zugleich über Jean Pauls Erziehungslehre fällt so paradox aus, daß man an eine humoristische Paradoxie glauben möchte, die diesmal jedoch unfreiwillig zu sein scheint. Gervinus schreibt nämlich geradezu: „Diese Ästhetik, wie die ‚Levana‘, sind Sammelplätze sehr geistreicher Bemerkungen, vor denen man nicht genug warnen kann.“