Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Die jüngste Vergangenheit ist noch lebendig in der Erinnerung und den Träumen der meisten von uns – für die junge Generation wie die heranwachsende Jugend dagegen liegt sie gleichsam ferner als der Dreißigjährige Krieg. Denn während einerseits erlebnishafte Bindung fehlt, scheitert andererseits die wissensmäßige Aneignung am Mangel an passenden Darstellungen. So greift der jugendliche Leser nur allzuleicht nach ungeeigneter Literatur, um Antwort auf seine Fragen zu erhalten.

Das steht auf dem Waschzettel eines jener zeitgeschichtlichen Jugendromane, die in den letzten zwei bis drei Jahren wie die Pilze aus dem Boden geschossen sind. Das Deutsch des Romans von Peter Gabriel („Flucht nach vorn“; Erich Schmidt Verlag, Bielefeld; 192 S., 6,80 DM) ist nicht besser als das seines Waschzettels, und gegen dessen Behauptung, gegen diesen speziellen Roman und seine ganze Gattung läßt sich vielerlei sagen.

Zuerst die Waschzettel-Theorie: „Die jüngste Vergangenheit ist noch lebendig...“ Diese jüngste Vergangenheit ist eine beliebte Umschreibung von „Nazizeit“. Jüngste Vergangenheit klingt vornehmer, neutral, kein bißchen aggressiv – das ist wichtig in Anbetracht der kaufenden Eltern, deren jüngste Vergangenheit man ja nie kennt.

Diese jüngste Vergangenheit ist jedoch mindestens achtzehn, höchstens vierzig Jahre alt. Ist das noch „jüngste“? Beginnt so ein Begriff nicht peinlich fatal unsere tatsächlich jüngste Vergangenheit, nämlich die Jahre der Bundesrepublik, zu verleugnen?

Und hier enthüllt sich bereits ein Teil des Dilemmas: Die Generationen vor uns hatten es mit ihrer jüngsten, jüngeren und alten Vergangenheit verhältnismäßig leicht. Wie aber sollen wir die Jahre des Zweiten Weltkriegs und davor darstellen?

Und: sind die zeitgeschichtlichen Romane, die uns deutsche Jugendbuchverlage präsentieren, das rechte Mittel?