Am 8. April wählen die Kanadier ein neues Parlament. Und wohl zum erstenmal sieht man solchen Wahlen auch außerhalb der kanadischen Grenzen mit Spannung entgegen. Ein Mann hat der Welt deutlich zu machen versucht, daß im Norden des amerikanischen Kontinents Politik gemacht wird – Außenpolitik, sogar ein wenig Weltpolitik: John George Diefenbaker, den Washington seit einiger Zeit als den „Castro des Nordens“ betrachtet.

Nach jahrelangen fruchtlosen Verhandlungen tadelte das State Department in Washington mit rüder, undiplomatischer Deutlichkeit die Verteidigungspolitik des nördlichen Nachbarn und verlangte ein klares Bekenntnis zur US-Verteidigungskonzeption: Der kanadische Premier sollte endlich amerikanische Atomsprengköpfe kaufen. Diefenbaker reagierte mit der Dickköpfigkeit eines Mannes aus den Prairies: Jetzt erst recht nicht. Aber der kanadische Premier ist weder ein Castro noch ein de Gaulle. Einige Tage nach der amerikanischen „Intervention“ war sein Kabinett zerbrochen und er selbst durch ein Mißtrauensvotum des Parlaments gestürzt.

In den USA beobachtet man das kanadische Schauspiel mit Verwunderung und einiger Nervosität. Nichts schien in Washington selbstverständlicher als die Forderung nach kanadischen Atomwaffen. Niemand anders nämlich als der Rebell Diefenbaker hatte im Jahre 1957 mit den Amerikanern das NORAD-Bündnis geschlossen und sich damit an der Luftverteidigung des nordamerikanischen Kontinents beteiligt. Zur Erfüllung dieser strategischen Aufgabe errichtete Kanada nicht nur eine Radar-Warnkette, sondern kaufte auch Voodoo-Jäger und Raketen vom Typ Bomarc und Honest-John. Diefenbaker weigerte sich jedoch, diesen Waffen durch Kauf der dazugehörigen Atomköpfe einen militärischen Sinn zu geben.

Seine militärpolitische Inkonsequenz, sein überschlaues Finassieren hat ihm den Premiersessel gekostet. Das scheint in einer gutfunktionierenden Demokratie wie der kanadischen eine natürliche Konsequenz zu sein. Viele Kanadier denken jedoch offensichtlich anders über die Verdienste des gestürzten Premiers als die Amerikaner. Sie machen aus dem gescheiterten politischen Taktiker einen Nationalheros: Sie feiern den Mann, der den „Yanks“ einen Korb gab, und vergessen dabei die politische und wirtschaftliche Misere, in die Kanada unter der konservativen Führung geraten ist.

Vielleicht sieht nun auch Washington ein, daß es den Kanadiern in der Frage der Atombewaffnung um mehr geht als um militärpolitische Logik – um nichts Geringeres nämlich als um ihr politisches Selbstverständnis, ihr kanadisches Selbstbewußtsein. Die Kanadier sprechen englisch mit amerikanischem drawl, lesen amerikanische Zeitschriften, sehen amerikanische Fernsehsendungen, spielen Football, fahren amerikanische Wagen und essen amerikanische Konserven. Aber nichts bringt sie schneller auf die Barrikaden als ein Versuch des großen Nachbarn, sie politisch gleichzuschalten.

Seit dem Kriegsende haben die Kanadier geglaubt, sie müßten Weltpolitik treiben und könnten es auch – in der Doppelrolle eines loyalen Mitgliedes im westlichen Bündnis und eines unabhängigen Vermittlers in den Konflikten der gespaltenen Welt. Um dieser außerpolitischen Rolle willen verzichtete Kanada freiwillig auf den Aufbau einer starken eigenständigen Militärmacht. Es entwickelte keine eigene Atombombe, obgleich es durch seine Beteiligung am Manhattan-Projekt durchaus dazu in der Lage gewesen wäre.

Das vordringlichste Ziel kanadischer Vermittlungspolitik war und ist die Begrenzung des Atomklubs. Ginge Ottawa auf die amerikanische Forderung ein, so argumentieren Diefenbakers Anhänger, dann würde es als erstes und vorläufig einziges Mitglied des „Klubs der atomwaffenfreien Staaten“ zur halben – von den Amerikanern abhängigen – Atommacht und verlöre damit seinen vermittelnden Einfluß sowohl auf die blockfreien Staaten als auch auf die Großmächte in der Abrüstungsfrage.