AdF, Rom, im März

Der Besuch des Iswetija-Chefredakteurs Alexej Adschubej bei Papst Johannes XXIII. hat in Rom eine stürmische Diskussion entfacht. Gibt es eine friedliche Koexistenz zwischen Katholizismus und Kommunismus? Der Wortführer der „Harten“, Kardinal Ottaviani, hat die Frage entschieden verneint; er will sich mit dem neuen Kurs des Papstes nicht abfinden. Der Heilige Vater jedoch bleibt aller Kritik zum Trotz bei seiner Meinung: „Wer Glauben hat, zittert nicht.“

Der Chefredakteur des Osservatore Romano Raimondo Manzini, verteidigte den Austausch der Botschaften zwischen Johannes XXIII. und Chruschtschow wie auch die päpstliche Audienz für den Schwiegersohn des Kremlchefs als eine „mutige Bekundung der apostolischen Liebe“. Dies sei ein Reflex jener seelsorgerischen Mission, die dem Papst zukomme.

„Wenn einige in dieser Bekundung nicht eine Bekräftigung der unantastbaren Prinzipien der Wahrheit und der Freiheit des Glaubens sehen oder etwas anderes darin erblicken können als den Versuch zur Überwindung einer bitterbösen Feindschaft, die zu Verfolgungen mannigfaltiger Art führte, so ist das nur einer vorübergehenden Leidenschaftlichkeit zuzuschreiben.“ Mit diesen Sätzen wehrt sich der Vatikan gegen jene Stimmen aus konservativen Kreisen, die in Italien und in Westeuropa mit Bestürzung die Nachricht von der achtzehnminütigen Privataudienz zur Kenntnis nahmen.

In der Tat scheint beim Großbürgertum in Rom, Mailand und in der Po-Ebene die Meinung vorzuherrschen, der Papst gehe zu weit. Man sagt dort: „Manchmal kann das Handeln nach dem Evangelium große Gefahren mit sich bringen, kann den Sinn für die Proportionen trüben Es hat daher auch nicht den Anschein, als ob der Rechtfertigungsversuch des Osservatore Romano jene zu überzeugen vermochte, die den neuen Kurs des Vatikans mißbilligen und die den Papst nun vor einem Treffen mit Chruschtschow warnen. Sie halten es mit dem „Espresso“, der in einer Schlagzeile verkündete: „Der Papst bewegt sich zu sehr nach links.“

Das Paradebeispiel für den hartnäckigen Widerstand, den selbst hohe katholische Würdenträger dem „Koexistenz-Denken“ des Papstes leisten, bot erst am Wochenende der italienische Kurienkardinal und Sekretär des Heiligen Offiziums, Ottaviani, der Sprecher der „Traditionalisten“ auf dem Vatikanischen Konzil.

Dieser wortgewaltige Kirchenfürst, der schon oft als Kritiker der italienischen Regierungspolitik der „Öffnung nach links“ von sich reden machte, erteilte nach dem Erscheinen des vatikanischen Leitartikels dem Papst eine klare Absage. Für Ottaviani gibt es keine Koexistenz zwischen Christentum und Kommunismus. In einer Rede vor hohen italienischen Offizieren erklärte er voller Schärfe, das katholische Gewissen müsse gegenüber dem Osten heute noch wachsamer sein als früher. Er verurteilte alle Versuche, mit direkter oder indirekter Unterstützung des Kommunismus die Frage des Gemeinwohls lösen zu wollen. Sie würden, so sagte der Kardinal voraus, politisch und historisch verdammt werden.