Von Kurt Wendt

Mit dem Ende der langen Frostperiode, die sich zweifellos günstig für den Kohlebergbau ausgewirkt, sonst aber zahlreichen Wirtschaftszweigen Verluste gebracht hat, kam es in den Börsensälen zu einer recht kräftigen Umsatzbelebung bei meist steigenden Kursen. Aber sie war nicht von langer Dauer. Wiederum zeigte sich sehr schnell, daß das breite Publikum sich von der Aktie als Ersparnisgrundlage fernhält und nur in Sonderfällen bereit ist, neues Geld in Aktien anzulegen. Ein solcher Sonderfall war die RWE-Kapitalerhöhung.

Nur wenige Gesellschaften können unter den gegebenen Umständen hoffen, junge Aktien mit Erfolg zu placieren. Deshalb wird die Industrie weiterhin bemüht sein, ihren Kapitalbedarf auf dem Anleihemarkt zu decken. Ihr sind jedoch nicht nur von der Ergiebigkeit des Rentenmarktes her Grenzen gesetzt, sondern auch von der Relation zwischen Fremd- und Eigenkapital. Nach den Großinsolvenzen im vergangenen Jahr achten die Banken sehr sorgfältig auf ausgewogene Kapitalverhältnisse. Von Seiten der Wirtschaft und der Banken besteht daher an erhebliches Interesse, den Aktienmarkt wieder ergiebig zu machen. Aber mit schönen Reden ist bei der Kundschaft nichts mehr auszurichten. Da die gegenwärtige Stagnation der Aktienkurse zu einem wesentlichen Teil auf die verschlechtere Ertragslage der Unternehmen zurückzuführen ist, muß hier der Hebel angesetzt werden, wenn man bei den Akiten besseres Wetter machen will.

Aber das ist nicht von heute auf morgen zu erreichen. Der Arbeitsmarkt wird in den nächsten Monaten wieder angespannt sein. Infolgedessen wird es auch schwerfallen, die Lohnforderungen der Gewerkschaften auf ein vernünftiges Maß zurückzuschrauben. Der Kostendruck bleibt bestehen, und es besteht wenig Hoffnung, über die Preise einen Ausgleich zu finden. Während sich hier die Wirtschaft in eine ziemlich ausweglose Lage gedrängt sieht, erhofft sie sich Erleichterungen auf einem anderen Wege. Er wurde jetzt von Hugo Frohne, Vorstandsmitglied der Vereinsbank in Hamburg, mit der Forderung abgesteckt, die deutschen Abschreibungsmöglichkeiten an die wesentlich günstigeren Sätze der ausländischen Konkurrenz anzupassen. Das würde aber die Investitionen wieder anregen, und von der Notwendigkeit dazu sind bislang weder Bundesregierung noch Bundesbank überzeugt. Politisch gesehen ist die Selbstfinanzierung in vielen Kreisen ohnehin immer noch äußerst umstritten.

Die Bundesbank will sich weiterhin mit kreditpolitischen Maßnahmen zurückhalten. Damit dürfte sich die Tendenz zur Liquiditätsverknappung fortsetzen, denn das Zahlungsbilanzdefizit wird für 1963 auf etwa 3 (1,3) Mrd. DM geschätzt. Das bedeutet, daß die Banken im Laufe des Jahres ständig liquide Mittel mobilisieren müssen. Ob sie gezwungen sein werden, ihre Aktienbestände abzubauen, ist heute schwer zu sagen. Als sicher kann jedoch gelten, daß bei den Kreditinstituten die Neigung, ihre Aktienportefeuilles anzureichern, denkbar gering ist.

Das ist in großen Zügen der Hintergrund, vor dem sich zur Zeit das Börsengeschäft vollzieht. Man ist hinsichtlich der jetzt erreichten Kurse zwar nicht pessimistisch, sieht aber keine Veranlassung, an eine durchgreifende Besserung des Börsenwetters zu glauben. Deshalb ersticken auch sofort alle vorsichtigen Aufwärtsbewegungen unter den Gewinnmitnahmen des Berufshandels.

Im Mittelpunkt der letzten Tage standen wieder einmal die VW-Aktien. Für die Erstzeichner war am 18. März die zweijährige Verkaufssperre abgelaufen. Wer eine regelrechte Verkaufswelle erwartet hatte, sah sich getäuscht. Natürlich haben viele VW-Aktionäre ihre Verkaufsabsichten – um von der Rückzahlung des Sozialbonus befreit zu sein – in den letzten Wochen zurückgestellt. Aber der Markt konnte diese Beträge ohne wesentlichen Schaden für den VW-Kurs Verdauen.

Groß ist immer noch das Angebot bei den Aktien der Deutschen Erdöl AG, obwohl hier täglich größere Partien zu Anlagezwecken erworben werden. Die Börse vermutet, daß Pakete zu placieren sind, die im Zusammenhang mit der Übernahme von Rheinpreußen nur eine vorübergehende Unterbringung erfahren haben. Selbst wenn man davon ausgeht, daß die Deutsche Erdöl AG eine Dividendenkürzung von 12 auf vielleicht 10 % vornehmen wird, ist die Rendite bei einem Kurs von unter 140 % noch immer recht beachtlich, zumal man hoffen kann, daß bei fortschreitender Bereinigung des defizitären Kohlebesitzes eines Tages auch; die Ertragslage wieder besser werden wird. Von der weltweiten Aufwärtsbewegung der Erdölaktien hat die Deutsche Erdöl AG nicht profitieren können.