Populärwissenschaftliche Veröffentlichungen in Funk und Tagespresse haben vor allem in Italien und der Schweiz einen Ansturm auf die Apotheken und die Herstellerfirma einer neuen chemotherapeutischen Droge, die Sandoz AG., Basel, ausgelöst. Bei Tausenden von Krebspatienten sind trügerische Hoffnungen auf Heilung ihres Leidens geweckt worden, wofür einmal mehr die den Massenmedien eigene Tendenz zum Kulturoptimismus verantwortlich ist. Dieser spezifische Illusionismus ist, wie sich herausstellt, wesentlich suggestiver als jede Art von kommerzieller Werbung, da er den Schein einer allenfalls humanitär gefärbten Objektivität für sich in Anspruch nimmt. Die Auswertung wissenschaftlicher Information in der Laienpublizistik, so wünschenswert sie in sozialpädagogischer Hinsicht ist, bleibt unbewältigt, solange sie nicht im Geiste skeptischer Nüchternheit und kritischen Understatements geschieht.

Was hat es mit SPI-Sandoz, dem neuen karzinostatisch wirksamen Präparat des bekannten Basler Chemie-Trusts wirklich auf sich? Die Antwort, welche allererst die Sandoz-Wissenschaftler selbst zu verbreiten sich bemühen, lautet: Zu Optimismus besteht kein Anlaß. Aus der zunächst vorsichtigen Zurückhaltung der Firma sind inzwischen unter dem Druck der Ereignisse verzweifelte Dementis geworden gegen die leichtfertige Unterstellung, man habe das Krebsproblem gelöst. SPI-Sandoz ist ein geringfügig modifiziertes Derivat eines Naturstoffes, der sich in den Wurzeln einer indischen Berberitzen-Art findet und schon den indischen Pharmazeuten des Mittelalters bekannt war – seiner abführenden Wirkung wegen. Das Verdienst der Sandoz liegt nun darin, daß es ihr gelang, die hohe Allgemeintoxizität dieser Naturstoffgruppe und damit deren Unverträglichkeit auf chemischem Wege drastisch zu senken.

Die bisher in der Chemotherapie der Tumoren mit – sehr bescheidenem – Erfolg angewandten Drogen lassen sich in vier Gruppen gliedern: Cytostatika, Antimitotika, Hormone und Antimetaboliten.

Die Cytostatika sind ganz und gar körperfremde Zellgifte, welche in einem höchst simplen chemischen Mechanismus sämtliche chemisch reaktiven Stellen der Zelle, vor allen in deren Eiweißkörpern, blockieren. Sie wirken nur insofern bevorzugt auf Tumor-Zellen, als deren Gesamtstoffwechsel gegenüber dem der gesunden Zellen erhöht ist. Es sind sehr schlecht verträgliche, sehr unspezifische Mittel, was dadurch illustriert wird, daß gewisse hochwirksame chemische Kampfstoffe („Gelbkreuz“) zur gleichen Familie gehören.

Die Antimetaboliten sind Verbindungen, die chemisch einem bestimmten körpereigenen Wirkstoff, dem „Metabolit“, zum Beispiel einem Vitamin, allernächst verwandt sind. Sie passieren daher, quasi irrtümlich, sämtliche Kontrollen und werden ins Zeitgefüge eingebaut, genau an der Stelle, wo sich im normalen Organismus etwa jenes Vitamin befinden sollte. Das natürliche Vitamin wird dadurch verdrängt. Der Antimetabolit aber ist so konstruiert, daß er dem entsprechenden Metabolit zwar strukturell sehr ähnlich ist, dennoch aber dessen Funktion nicht erfüllt. Durch Antimetaboliten wird daher niemals die Zelle als Ganzes geschädigt, sondern es werden nur ganz bestimmte Stoffwechselfunktionen blockiert. Sind gerade diese Stoffwechselfunktionen in der Tumorzelle erhöht aktiv, so wird sie spezifisch geschädigt. Antimetaboliten sind im Prinzip ideale Drogen; leider aber ist es sehr schwer, solche Verbindungen zu finden, denn Zellen üben eine rigorose Wareneingangskontrolle aus. Den relativ größten Erfolg mit Antimetaboliten hat man daher beim Blutkrebs. Um nämlich ins Blut zu gelangen, muß. der Antimetabolit nur wenige Kontrollen passieren.

Die dritte Gruppe, die körpereigenen Hormone, lassen sich praktisch nur bei Tumoren hormonal gesteuerter Organe anwenden. Hier lähmt man, durch Änderung des natürlichen Hormonspiegels die Gesamtaktivität des vom Tumor befallenen Organs.

Die letzte Gruppe schließlich bilden die sogenannten Antimitotika, die zellteilungshemmenden Drogen. Bekanntester Vertreter dieser Gruppe ist das Gift der Herbstzeitlosen, das Colchicin, Der chemische Mechanismus der antimitotischen Wirkung ist bis heute noch wenig bekannt, wie ja die Zellteilung selbst erst seit wenigen Jahren erklärbar ist. Antimitotika sind von Natur aus auch von hoher Allgemeingiftigkeit, obwohl sie unvergleichbar viel spezifischer wirken als die Cytostatika. Dennoch werden auch von ihnen die Tumorzellen nur deshalb bevorzugt angegriffen, weil sie sich schneller teilen.