Der Edelmann in sozialistischer Sicht – Geschichtsdeutung auf SchloßWernigerode

Wernigerode

Das Schloß Wernigerode im Harz ist eine Mischung von Ritterburg, Barockschloß und Verirrung des späten neunzehnten Jahrhunderts. Aber kunsthistorische Webfehler beeindrucken den Besucher nicht, der, nachdem er die spiralig gewundene Anfahrt hinter sich hat, aufatmend den Blick von der Terrasse genießt. Direkt unter dem Burgberg liegt das alte Harzstädtchen Wernigerode, Dach unter Dach geschachtelt. Weiter nach rechts versucht das Auge zwischen Baumwipfeln die erfundene, abstrakte Linie zu entdecken, von der die Verkäuferin im Ansichtskartenkiosk sagt: „Da liegt die Zonengrenze, aber heran kann man jetzt nicht mehr.“

Die Dekoration der Terrasse besteht aus Kanonen. Sechzehn Rohre öffnen ihre runden, grünspanüberzogenen Mäuler talswärts. Eine Feldschlange von 1521 in reichverziertem sächsischen Bronzeguß heißt „die schöne Treiberin“, im Dreißigjährigen Krieg standen siebzehn Geschütze hier oben, aber die, die jetzt hier sind, stehen nur zur Zierde da. Die Terrasse ist als angenehmer Aufenthalt für die Fürstenfamilie gebaut worden, nicht als militärisches Objekt.

Als Adam grub ...

Im Kiosk kauft man einen Führer durch das Feudalmuseum Schloß Wernigerode. Auf der Broschüre reitet ein gepanzertes Ritterlein auf einem gepanzerten Roß – beide wie aus dem Fundus eines Staatstheaters, aber auf dem Spruchband in der Halle umzingelt ein angriffslustiger Satz einen erdachten, abstrakten Feind: „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?“ Die Besucher sollen gezwungen werden, über den Verbleib des Edelmannes Vermutungen anzustellen und seine Existenz überhaupt als unpassend abzulehnen. Keiner soll ihn mögen.

In den Sälen stehen prachtvolle alte Möbel, Hausrat aus Silber, Glas, Porzellan, hängen Gemälde an den Wänden, sind Rüstungen aufgestellt. Aber rüstig streiten Inschriften gegen Eleganz und Kunstsinn. Boshaft nagen Thesen an Glanz von Mahagoni und Parkett: Liebe Besucher, wir sehen, wieviel Schönes die arbeitenden Menschen der Vergangenheit geschaffen haben für das Wohlleben ihrer Herren. Um wieviel mehr wird unser Volk heute und in Zukunft schaffen, wo es für sich selbst arbeitet.