HAMBURG (Museum für Kunst und Gewerbe):

„Plakat- und Buchkunst um 1900“

Mit reichlich tausend Objekten dokumentiert diese Mammutschau eine Epoche der angewandten Kunst, für die der modisch strapazierte Begriff „Jugendstil“ entschieden zu eng ist. „Um 1900“ meint die Zeit von 1880 bis 1920, mit vielen sich ablösenden, sich überschneidenden Stilen, Impressionismus und Symbolismus, Expressionismus und Neue Sachlichkeit. Degas und Signac, auf deutscher Seite Liebermann, Orlik, Kokoschka, Hans Thoma, standen außerhalb von Jugendstil und Art Nouveau. Keine stilistische Einheit wird hier demonstriert, sondern das Phänomen der Angewandten Kunst, die in der Zeit um 1900 aus ethischen, weltanschaulichen, sozialen und wirtschaftlichen Gründen postuliert und auf mindestens zwei Gebieten (Plakat und Buchdruck) großartig realisiert wurde. Justus Brinckmann, der Gründer des Hamburger Museums, hat damals schon Plakate gesammelt und sie 1897 im Hamburger Museum ausgestellt. „Jedem soll die Kunst zugänglich sein ... Die Kunst muß auf die Straße gehen und wie von ungefähr den Arbeitsweg der vielen Tausende kreuzen, welche ihr nicht Zeit noch Geld schenken können. Diese hohe ethische Aufgabe erfüllen die für nüchterne Zwecke erfundenen Plakate – wenn sie gute Plakate sind.“ Die jetzige Ausstellung zeigt die besten Plakate aus vielen europäischen Ländern und viele Beispiele sonstiger Gebrauchskunst, die man sonst nicht zu sehen bekommt: Theaterprogramme von Signac und von Bonnard (für die Pariser Premiere von „Einsame Menschen“), eine Soiree-Einladung von Degas, Kalenderblätter, Zeitschriften, die berühmten Kunstbeilagen zum „Pan“, Speisekarten, Vignetten, Exlibris. Und in besonders reicher Auswahl Buchkunst, Einbände und Illustrationen. Das gesamte Ausstellungsmaterial stammt aus eigenen Beständen des Museums. Dr. Heinz Spielmann hat die Stücke ausgewählt und übersichtlich gruppiert. Die Ausstellung dauert bis zum 12. Mai.

BADEN-BADEN (Kunsthalle): „Davie“

Unter den englischen Gouachen der jüngsten Zeit, die kürzlich in Hamburg waren und im April nach Berlin-Charlottenburg kommen, sind die Bilder von Alan Davie durch farbiges Temperament und drastischen Witz angenehm und verheißungsvoll aufgefallen. Jetzt bringt die Kunsthalle Baden-Baden Davies erste deutsche Kollektivausstellung. Davie wurde 1920 in Schottland geboren, seit 1955 hat er auch außerhalb Londons (in Rom, Paris und New York) ausgestellt. Seine Bilder sind ausgelassen und turbulent – wie ein Kindergeburtstag. Formen werden durcheinandergewirbelt und landen an der richtigen Stelle auf der Bildfläche. Das Heiterste, was „informel“ hervorgebracht hat. Aber kein doktrinäres „informel“. Davie bringt auch Gegenständliches ins Bild, Räder, Harken, Schläuche, Holztiere – Spielzeug für den Maler. Oder Kinderkritzeleien (wie bei Dubuffet), aber ohne düsteren Hinfersinn. Die Bilder, manche im Riesenformat, zwei und drei Meter breit, heißen „Papageiengriff“ – „Alles durcheinander“ – „Zauberspiegel“ – „Das Pferd, das den König anlachte“ (ein Triptychon). Die Ausstellung bleibt bis zum 7. April in Baden-Baden. Hoffentlich wandert sie weiter.

PARIS (Galerie Internationale d’Art Contemporaine):

„Teppiche“

Pariser Maler der ersten Garnitur haben die Teppiche entworfen, Vieira da Silva, Poliakoff, Piaubert, Vasarely, Debré, Pomodoro, Sugai. Ihr Stil ist auch in textiler Anwendung unverkennbar, die starkfarbigen verschachtelten Rhomben von Poliakoff und die geometrischen Muster von Vasarely, Piauberts romantischer Symbolismus. Eigentümlich und nach deutschen streng kunsthandwerklich orientierten Begriffen bedenklich ist die Tatsache, daß hier nicht nur die Identität zwischen Entwerfer und Hersteller aufgegeben ist, sondern das Handwerk überhaupt ausgeschaltet bleibt. Was der Künstler entworfen hat, wird maschinell ausgeführt – damit die Arbeit sich auszahlt, jeder Teppich in sechs Exemplaren. Es sind keine „Bildfeppiche“, nicht für die Wand bestimmt, sondern für den Fußboden, reguläre Gebrauchsware. Profaner Zweck, maschinelle Herstellung, merkantile Absicht – die Schönheit der Teppiche wird davon nicht berührt. Die Auflage könnte sogar größer sein, damit die Preise – 12 000 Francs und darüber – niedriger werden. Die bis Ende März in Paris ausgestellte Kollektion soll später in erweitertem Umfang auch in Deutschland, Holland, Italien und der Schweiz gezeigt werden. g. s.