„Auch für uns gilt es heute, ökonomisch denken zu lernen, denn ökonomisches Denken ist nationales Denken. Wir müssen von dieser Warte aus unsere Literatur schreiben, um somit zu völlig neuen ästhetischen Maßstäben zu gelangen.“ Diese Worte stellte Genosse Erik Neutsch an den Beginn seines Referates auf der letzten Arbeitstagung der Schriftsteller unseres Bezirkes.

Es war die erste Tagung – als Gast nahm an ihr unter anderem auch Ernst Machacek, stellv. Leiter der ideologischen Kommission der Bezirksleitung Halle der SED, teil –, zu der sich die Schriftsteller, jetzt nach dem VI. Parteitag trafen. Die Tagung wurde zu einer bedeutsamen, jedoch längst nicht beendeten Aussprache, denn „der VI. Parteitag“... so sagte Dr. Friedrich Döppe, Vorsitzender des Bezirksverbandes Halle des Deutschen Schriftstellerverbandes, „muß für jeden Schriftsteller Anlaß sein, sein Leben gründlich zu überprüfen und auch zu ändern.“...

Gedichte, von einigen jungen Lyrikern im Verband geschrieben, die gegen unseren Staat auslegbar waren, kannte das Kollektiv nicht. Statt dessen wurde ein Arbeitsplan aufgestellt, in dem aber die eigenen Probleme völlig zu kurz kamen. Es gab Verbandsmitglieder, wie Werner Steinberg und Anneliese Probst, die sich in ihrem Denken auf einen falschen Weg begeben hatten und denen das Kollektiv einen schlechten Dienst erwies, weil es sie ungenügend auf ihre Fehler aufmerksam machte.

Erik Neutsch stellte ein neues Beginnen zur Diskussion: „Wenn wir schreiben, müssen wir die wahren Helden unseres Alltags finden. Unsere Verbindung zum Leben und zur Wirklichkeit genügt nicht mehr. Es ist zuwenig, nur Stippvisiten zu machen und dann das Leben darstellen zu wollen. Wir dürfen als Schriftsteller nicht einfach nur leben, wir müssen revolutionär leben und dort Verbindung suchen, wo die Brennpunkte unseres Lebens sind. Wir müssen uns Aufträge geben lassen, selbst mithelfen, in einem Betrieb eventuell die Seifert-Methode einzuführen oder auf dem Bau das Dreischichtensystem durchzusetzen.“...

Ein guter Anfang sind die Kohlegedichte, die Marta Nawrath, Joachim Rähmer und Sarah Kirsch schrieben und die die „Freiheit“ vor einigen Wochen veröffentlichte, obwohl diese Gedichte auch eine Schwäche aufdecken. Sie wurden in wenigen Tagen nach einem relativ kurzen Besuch bei den Kohlekumpeln getrieben, und sie zeigten, daß der Stoff von einigen der jungen Lyriker noch nicht ganz bewältigt wurde. „Wären wir aber alle völlig zu Haus in der Kohle“, sagte Dieter Allen, „hätten wir einen besseren Blick für die darzustellenden Probleme bekommen. Daher sehen wir an einigen der Gedichte sehr deutlich, welchen Zeitverlust wir im Verband haben.“