pf, Berlin

Der Taxifahrer, den ich gegen 6 Uhr abends bat, mich vom Bahnhof Friedrichstraße in Ostberlin bis zum Rosenthaler Platz zu fahren, etwa 2 1/2Kilometer weit, schüttelte bedauernd den Kopf. Das lohne sich für ihn nicht. Er würde ja gern, sagt er – aber in einer Stunde habe er Feierabend, es fehlten ihm noch gute fünfzig Mark in der Kasse, und sein „Soll“, das müsse er erfüllen. Ein paar gute Worte und das Versprechen auf ein gutes Trinkgeld bewogen ihn schließlich doch, die Fuhre zu übernehmen. Unterwegs erklärte er mir, was es mit dem „Soll“ auf sich hat.

Jeder Fahrer des „VEB Taxi“ in Ostberlin ist verpflichtet, eine Tageskasse von 132 Mark abzuliefern, wenn seine achtstündige Arbeitszeit beendet ist. Wie er das macht, ist seine Sache. Bei einem Kilometerpreis von 80 Pfennigen muß er theoretisch seine 165 Kilometer täglich fahren, ob seine Fahrgäste das wollen oder nicht. „Sehnse“, sagte mein Fahrer, „ick fahre nun bald dreißig Jahre Taxe, immer unfallfrei – aber neulich hamse mir im Betrieb gesagt, wenn ick mein Soll nich schaffe, dann muß ick runter vom Fahrersitz, dann bin ick eben für den Beruf unjeeignet. Wenn ick Glück habe, behaltense mir im Betrieb, als Mechaniker oder um den Hof zu fegen. Wenn ick Pech habe, kann ick mir ne andere Stellung suchen, und wenn man bald sechzig is, so wie icke, dann is das janich so einfach. Und nun soll mir mal einer begreiflich machen, wie ick die Fahrgäste zwingen kann, weiter zu fahren als se wollen. So’n Quatsch! Man kann ja noch verstehn, daß in einem Betrieb ein Arbeiter soundsoviel Schrauben in soundsoviel Stunden dreht, vorausgesetzt, das Rohmaterial is zufällig da – aber wie kann man een Taxifahrer zwingen, 132 Mark Tageskasse zu machen! Sehnse, vorhin, da hamse mir een Trinkgeld anjeboten, det is ja scheen un jut – aber im VEB, da wollnse nich meine Trinkgelder sehn, sondern 165 Kilometer auf’m Zähler und die 132 Piepen dazu!“

Von den rund 400 Taxen, die es in Ostberlin gibt, befinden sich höchstens noch dreißig in Privatbesitz, und meistens sieht man denen das an: es sind Wagentypen aus den Jahren zwischen 1930 und 1936! Wenn man so ein Ding besteigt, fragt man sich immer, ob es nicht unterwegs auseinanderfallen wird. Aber die zuständige Stelle des Magistrats gibt keine neuen Gewerbelizenzen für Privattaxen; der Fahrgast soll sich in Zukunft „volkseigen“ befördern lassen – wegen des „Solls“.

Was es in der DDR an „Soll-Blüten“ gibt, kann man sich im Westen einfach nicht vorstellen. Im Rahmen des sogenannten „Produktionsaufgebots“ wurden zum Beispiel Ostberliner Zeitungsredakteure verpflichtet, mehr Seiten zu umbrechen, als gedruckt werden können (die Papierzuteilung war nicht erhöht worden). In der Poliklinik der Berliner Bauarbeiter haben vor kurzem sämtliche Mitarbeiter, von der Büroangestellten über die Lehrschwester bis zum Chefarzt, eine „freiwillige Verpflichtung“ unterschrieben, derzufolge jeder Patient der Klinik in Zukunft einen Tag früher als bisher gesund geschrieben wird. Ein Parteifunktionär erklärte dem Personal der Poliklinik (und auch der anderen Kliniken und Krankenhäuser in Ostberlin), auf diese Weise werde die Produktionsfähigkeit der DDR wesentlich erhöht.

Werden nun eifrige SED-Funktionäre am Jahresende die Krankengeschichten und die Zahlen der behandelten Patienten durchschnüffeln, um festzustellen, ob auch wirklich jeder Mitarbeiter jeder Klinik sein „Gesundschreibe-Soll“ erfüllt hat? Da kann es einem Kranken sehr wohl passieren, daß er ein oder zwei Tage vor seiner Gesundung als geheilt entlassen wird; denn das Soll ist ja kein Soll, sondern ein Muß!

Da haben es die Friseure der „Hauptstadt der DDR“ doch noch besser. Ihr „Soll“ beläuft sich auf 600 Punkte pro Arbeitstag. Einmal Haarschneiden macht 28 Punkte, einmal Kopfwaschen 19 Punkte, einmal Rasieren 9 Punkte. Man faßt sich an den Kopf – nicht nur, weil es sich um Friseure handelt. Wie sieht es in den Hirnen der Parteifunktionäre aus, die errechnen, daß ein Taxifahrer 132 DM Tageskasse machen muß oder daß Rasieren 9 Punkte wert ist? Was spukt in den Köpfen der Leute herum, die sich das mit dem vorzeitigen Gesundschreiben in den Kliniken ausgedacht haben?