Gru, Köln

Köln fängt mit dem Dom an, sagen die Kölner. Und kein „Zugereister“ sollte an diesem Glauben rütteln. Dennoch gibt es für den ahnungslosen Fremden, der zum erstenmal die Rheinmetropole betritt, noch andere Wahrzeichen, die ihm den Anfang der Stadt Köln verheißen. Wer in der Dämmerung mit dem Zug über die Deutzer Brücke in die Stadt hineinfährt oder mit dem Wagen in der Dunkelheit von Mülheim über die Rheinuferstraße kommt, den grüßt vom rechten Rheinufer, profan aber strahlend, der Reklameturm der Firma Ford. Hundert Meter über Köln schwebt eine Kugel mit leuchtend roter Schrift. Die vier Lettern des Firmennamens spiegeln sich sanft im dunklen Wasser des Rheins wider. Das häßliche Stahlgerüst, das die Reklamekugel trägt, stört in der Dunkelheit niemanden, aber auch am Tage nur wenige. Das wurde offenbar bei der Bekanntmachung, die Stadtverwaltung beabsichtige, den Turm zu verschrotten, der erst vor zwölf Jahren gebaut worden war.

In einer öffentlichen Ratssitzung am 29. November des vergangenen Jahres sollten die Stadtväter darüber beraten. Doch dazu kam es nicht. Die Verwaltung hatte die Anhänglichkeit der Kölner an ihre „Wahrzeichen“ unterschätzt, selbst an solche die nicht annähernd mit der Groß? des Doms konkurrieren können. Auf Grund der öffentlichen Empörung setzte Oberbürgermeister Theo Burauen den strittigen Punkt von der Tagesordnung ab und meinte: „Wir wollen darüber noch einmal beraten.“ Den Stadtvätern war das nur lieb. Sie berieten nun geheim, faßten ihren Entschluß und sagten nicht viel. Erst auf Anfrage erklärte die Stadtverwaltung jetzt zurückhaltend: „Der Turm wird abgerissen, wenn die Kälte vorbei ist.“

Nicht umsonst behandelten die Verantwortlichen die Fordkugel wie ein rohes Ei. Schließlich war es nicht in erster Linie ihr Wunsch, den Turm abzureißen, vielmehr handelten sie auf Drängen der Firma Klöckner-Humboldt-Deutz AG, die in der Nähe des Fordturmes auf der rechten Seite des Rheines ihren Sitz hat. Es ist der bekannteste rechtsrheinische Betrieb. Zugleich repräsentierte er den bedeutendsten Kölner Firmennamen, ehe sich im Jahre 1930 die Firma Ford auf dem linken Rheinufer etablierte. Die Stadt Köln wußte es zu schätzen, daß sie zwei Weltunternehmen in ihren Mauern barg. Die Amerikaner saßen im Vorort Niehl, legten aber schon bald Wert darauf, „die Repräsentanz ihrer Firma in der Nähe der Kernstadt zu sehen“. Im Jahre 1950 setzte deshalb die Stadtverwaltung den Fordturm ans Deutzer Ufer. Er blieb Eigentum der Stadt. Die Autofirma beteiligte sich mit 100 000 Mark an den Baukosten und zahlt jährlich 27 500 Mark Miete für die Werbung.

Trotz der hohen Einnahmen bereitete das „unerhörte Requisit des kölnischen Stadtbildes“ jedoch schon bald Kopfzerbrechen. Zur Gartenbauausstellung im Jahre 1957 meinte man, der Turm verunstalte den Rheinpark, auf dessen Grund und Boden er stehe. Den zweiten Vorwand für seinen Abbruch lieferte vier Jahre später der Plan, eine Zoobrücke zu bauen. Damit sei eine „Flurbereinigung“ verbunden, ließ die Stadtverwaltung die Fordwerke wissen. Der Turm stehe der Brückentrassenführung im Wege. Mindestens von gleicher Bedeutung war jedoch, daß inzwischen der Firma Klöckner-Humboldt-Deutz AG der Ford-Turm endgültig zum Pfahl im Fleische geworden war. Ihr neues Verwaltungshochhaus, das jetzt im Rohbau fertig wird, steht in gerader Luftlinie fünfhundert Meter hinter dem Fordturm. Die Firma verlautbarte, eine geplante Reklamebeleuchtung auf dem Dach des Neubaus würde durch den Fordturm erheblich an Wirkung verlieren. Die Autofirma war von dieser Entwicklung wenig begeistert. Der Turm ist die größte Außenwerbung des Werkes in der Bundesrepublik. Einen besseren Platz für diese Werbung wird sie nicht mehr bekommen können

Beflissen versuchte die Stadt Köln zwischen den beiden großen rechts- und linksrheinischen Rivalen zu vermitteln. „Beide werden als Arbeitgeber hoch geschätzt“, betonte die Stadtverwaltung. „Sie tragen den Namen Kölns in alle Welt hinaus.“ Wie sehr sie darauf bedacht ist, keine der beiden Firmen zu vergrämen, läßt sich aus dem Haushaltsplan für das Jahr 1963 ersehen. Die Kosten für den Abbruch des Turmes und damit für die endgültige Verweisung der Autofirma auf das linke Ufer betragen 69 800 Mark. Die Firma Klöckner-Humboldt-Deutz AG hat sich bereit erklärt, durch Zahlung einer Jahresmiete von 27 500 Mark zu den Abbruchkosten beizutragen. Vom Schrotterlös werden weitere 8500 Mark erwartet. Bleibt ein Rest von 33 800 Mark. In geheimer Sitzung beschlossen die Ratsherren, diesen Betrag aus dem Stadtsäckel zuzuschießen.

öffentlich wetterte der Bürger Ferdinand Altenrath vorher in einem Leserbrief: „Es ist doch unglaublich, daß man ein solch hübsches Wahrzeichen einfach verschrottet, weil eine Firma es so haben will. Und dabei will diese Firma noch nicht mal die gesamten Abbruchkosten tragen. Es soll also mal wieder der Bürger mit seinen Groschen daran glauben. Denn die Gelder, die die Stadt Köln beisteuern will, stammen ja schließlich von uns, meine Herren.“