Von Klaus Wagenbach

Die Schriftsteller sind wieder einmal die Prügelknaben der Nation – diesmal zu beiden Seiten der Elbe. Einige Parallelen lassen sich ziehen – Jürgen Habermas zog sie auch im letzten Heft des Merkur – zwischen dem literarischen Unverstand hüben und drüben. Was es mit der „geheimen Reichsschrifttumskammer“ auf sich hat, werden die Schriftsteller, von denen Dufhues glaubt, sie hätten sie im Sinne, mit ihm offenbar auf dem Rechtsweg zu klären haben, da er ihrer Einladung nach Berlin nicht gefolgt ist (Die ZEIT, Nr. 11/63).

Die Situation in der DDR ist ungleich schwieriger, die Angriffe sind ungleich massiver. Seit Monaten unterzieht die SED die Autoren einem Strafgericht sondergleichen. Seit Monaten Entlassungen, Publikationsverbote und Visaverweigerungen. Noch niemals wurde ein Parteikongreß der SED derart als Bühne für Angriffe gegen die Schriftsteller benutzt wie der letzte, der VI. Das Novum war die „Richtungslosigkeit“ dieser Attacken – tatsächlich betrafen sie sämtliche namhaften Schriftsteller, gleichgültig ob Parteimitglied oder nicht: Stephan Hermlin, Anna Seghers, Peter Huchel, Günter Kunert, Manfred Bieler, Peter Hacks, Christa Reinig, Arnold Zweig, Johannes Bobrowski, Hans Mayer, Franz Fühmann – die meisten wurden genannt, gemeint waren alle. Alle die, wie der offiziöse Verseschmied Kuba sagte, sich nicht entschließen können, „unser Leben in feurigen Farben zu schildern und ihm mit begeisternder Stimme Ausdruck zu geben“.

In den letzten Wochen ist diese Kritik noch schärfer geworden: wiederum Publikationsverbote, wiederum Entlassungen, wiederum Verweigerung von Reisevisa. Sie ist keineswegs mit der kürzlichen Kritik Chruschtschows und Iljitschows an einigen Sowjetschriftstellern zu vergleichen: Was Ehrenburg und Jewtuschenko sich leisten konnten und sicherlich auch noch weiterhin leisten können, wäre in der DDR undenkbar.

Freilich hatten die Schriftsteller der DDR Ursache, im letzten Jahr an eine Lockerung der absoluten Kunstdoktrin der Funktionäre Bentzien, Hager, Abusch und Kurella zu glauben. Erstens war nach dem 13. August 1961 der vordem übliche Hinweis auf die „Infiltration der Frontstadt Westberlin“ nicht mehr möglich. Zweitens hatte die SED junge begabte Autoren, waren sie nur fügsam, sehr schnell um ihren kaum erworbenen literarischen Ruf gebracht – so erging es dem talentierten Karl Mundstock, der nach seinem Erstling „Bis zum letzten Mann“ nur noch Unbedeutendes schrieb, bis hinab zum Kitsch seiner chinesischen Reiseskizzen. Drittens konnten sich die Schriftsteller auf die Situation in den anderen Staaten des Ostblocks berufen, auf die in Ungarn, in Polen, auch in der Sowjetunion. Durften Wosnessjenskij, Mrozek, Jewtuschenko, Déry und Ehrenburg reisen, so konnten die Schriftsteller der DDR hoffen, wenigstens unbehelligt schreiben zu dürfen. Sie konnten dabei auf die Solidarität nicht nur dieser befreundeten Schriftsteller rechnen, sondern natürlich auch auf die der kommunistischen Schriftsteller in den westlichen Staaten, die ohnehin niemals der doktrinären Interpretation des „sozialistischen Realismus“ beigepflichtet hatten. Noch im Herbst vorigen Jahres erklärte Aragon in Prag, wo ihm der Dr. h. c. verliehen wurde: „Dogmatiker und Demagogen widersetzen sich stets einer offenen Konzeption der Kunst, einer Literatur im Werden, dem literarischen Experiment.“ Und vom Realismus verlangte Aragon, daß er „uns nicht beruhigt, sondern uns weckt“.

Die SED hat demgegenüber schon kurz nach dem 13. August 1961 deutlich zu erkennen gegeben, daß ihr an einer schlafenden, nicht an einer wachen DDR gelegen ist. Bereits am 1. Oktober antwortete der Sekretär des Zentralkomitees, Prof. Kurt Hager, auf „Fragen der Geistesschaffenden“, daß es nun an der Zeit sei, einen „harten Ton“ anzuschlagen, und er verwandte in diesem Zusammenhang zum erstenmal die seitdem gängig gewordene Vokabel von den „Wanderern zwischen zwei Welten“. Dieses. Zitat ist ein Beispiel (unter vielen) für die literarische Vorbildung fast aller Kulturfunktionäre der DDR: Einem Professor für dialektischen Materialismus fällt im entscheidenden Moment nicht mehr ein als Walter Flex.

Das Zitat wurde ihm auch bald nachgesprochen, am 30. März 1962 vom Stellvertreter Ulbrichts, Willi Stoph. Freilich meinte Stoph schon ganz bestimmte „Wanderer“: die „Deutsche Akademie der Künste“ und die von ihr herausgegebene, von Peter Huchel redigierte Zeitschrift Sinn und Form. Acht Wochen später, am 30. Mai, erklärten die Mitglieder der Akademie, „im Sinne einer sozialistischen Akademie arbeiten“ zu wollen. Das hatten sie schon vorher getan; auch Sinn und Form änderte den Kurs – „links“, wenngleich auf höchstem literarischen Niveau – nicht.