Ärger mit den „Europa-Hühnchen“

Im Hühnchenhandel ist der Telephonverkehr an der Tagesordnung. Wer – sei es aus Dänemark oder Frankreich – Schlachthühnchen und Brathähnchen in die Bundesrepublik importieren will, vereinbart zuvor über den Draht mit dem Lieferanten, welche Qualitäten, Quantitäten, Sorten in den Fakturen verzeichnet werden. Auf diese Weise gelingt es gemeinhin, die Zöllner über den tatsächlichen Wert der Ware im Unklaren zu lassen. Zollbeamte sind in der Mehrheit außerstande, die Vielfalt der Sorten und Qualitäten im Geflügelhandel fachgerecht zu überschauen.

Zweck dieses Telephonhandels beim Schlachtgeflügelimport ist es, die mit der EWG-Geflügelmarktordnung eingeführten Einschleusungspreise (die recht hoch sind) zu unterschreiten. Das Ergebnis: In der Bundesrepublik haben sich die Hühnchenpreise bisher kaum erhöht – dank dem Einfallsreichtum des Handels und trotz des Einschleusungspreises, bei dessen Festsetzung sich die Bundesregierung an der Obergrenze der von der EWG-Kommission gesetzten Marge bewegte.

Die Sache ärgert Brüssel: Die Geflügelmarktordnung mit dem Einschleusungspreis funktioniert tatsächlich nicht, weil die Unterschreitung des Einschleusungspreises solange möglich ist, als nicht ein aufgeblähter Beamtenapparat die schärfere Kontrolle und also die Beachtung der Einfuhr-Mindestpreisvorschrift sichert. Besonderen Kummer erregt es überdies am Sitz der Europäischen Wirtschaftskommission, daß keineswegs allein die Schlachthühnchen aus nicht zur EWG gehörigen „Drittländern“ wie Dänemark unterhalb der hohen Preisgrenze hindurch zum deutschen Verbraucher gelangen.

Auch Holländer und Franzosen umgehen die Bestimmungen. Paris muß sich dabei sogar den Vorwurf gefallen lassen, mit Hilfe unzulässig hoher Export-Rückerstattungen seine Hühnchenausfuhr auf den deutschen Markt zum Nachteil der belgischen und niederländischen Konkurrenz verboten zu subventionieren.

Den deutschen Verbraucher interessiert nur eines: Offenkundig würde die strikte Beachtung der EWG-Einschleusungsvorschriften zu einer spürbaren Erhöhung des Preises der Koch- und Brattiere führen. Die Ursache dafür liegt nicht im europäischen Marktordnungssystem, sondern in der Tatsache, daß die Bundesregierung wegen der teuren Futtergetreidekosten, wie man sie im Namen des Deutschen Bauernverbandes heute noch bei uns hat, einen hohen Einschleusungspreis festsetzte. Ja, Brüssel sollte die genaue Befolgung der Einschleusungsvorschriften erzwingen – auf diese Weise würde dem Bundesverbraucher schnell genug und deutlich gezeigt, daß ein Festhalten am hohen deutschen Getreidepreis (und folglich am teuren Futtergetreide für Hühnchen) jeden belastet, der wenigstens sonntags sein Huhn im Topf will. Hermann Bohle (Brüssel)