Jules Pascin – der Name ist ein Anagramm aus Pincas, seinem Vatersnamen – lebte von 1885 bis 1930. Er ist der Prototyp des peintre maudh, der Exzentrischste unter den Exzentrikern des Montmartre. Stammgast im Café du Dôme und in weniger ehrbaren Lokalitäten. Ältere Maler, wenn sie ihre Memoiren schreiben, erinnern sich an die Atelierorgien, die Pascin zu veranstalten liebte, bis er sich angewidert und verzweifelt auf der Höhe seiner materiellen Erfolge in seinem Atelier erhängte – just an dem Tage, als bei Georges Petit seine Ausstellung eröffnet wurde. Pasein war ein zeichnendes Wunderkind. Die Bordellskizzen des 15jährigen sollen wirklich existiert haben. Als er achtzehn war, engagierte ihn de Simplizissimus als festen Mitarbeiter. Mit zwanzig kam er nach Paris. Zwei Jahre später hat Paul Cassirer seine Zeichnungen in Berlin ausgestellt, neben van Gogh und der Kollwitz. 1911 war er in der Berliner Sezession und in der berühmten Sonderbund-Ausstellung in Köln. Die frühen Blätter sind großartig. Pascin hatte im kleinen Finger mehr zeichnerisches Genie als Georges Grosz in der ganzen Hand. Milieustudien, Männer und Frauen im Café, Kartenspieler, Bürger, Halbwelt. Auch die Bilder aus diesen Jahren sind stark und kühn. Die "Drei Grazien" von 1908 könnte ein "Brücke"-Meister gemalt haben. Was ist aus diesem grandiosen Anfang geworden?

Pascins künstlerische Problematik ist noch viel komplizierter als bei van Dongen, der sich von einem bedeutenden Fauvisten in einen mondänen Gesellschaftsmaler verwandelte. Pascin hat sich in eine ausweglose künstlerische Situation hineinmanövriert. Die endlose Reihe seiner nackten und bekleideten Mädchen, dieser etwas dicklichen, frühreifen, trägen, lasziven Geschöpfe, ist so überaus peinlich nicht als Affront gegen die bürgerliche Moral oder den guten Geschmack. Degas oder Toulouse-Lautrec oder Modigliani haben das gewagte Sujet künstlerisch bewältigt. Pascin kapituliert als Maler vor dem Milieu. Er betätigt sich als Spezialist für erotische Kunst. Und er wiederholt mit Erfolg das einmal gefundene Rezept, diese Mischung aus Toulouse-Lautrec, Renoir und den "Fêtes galantes", eine dünne, irisierende, fatale Malerei.

Vor allem in Amerika war dieses Genre gefragt. Seine Gemälde hängen in vielen amerikanischen Museen und Privatsammlungen. In Amerika ist jetzt auch die erste große Pascin-Monographie erschienen (deutsche Ausgabe im Rütten & Loening Verlag, Hamburg; mit 34 Farbtafeln und 53 Reproduktionen von Zeichnungen und Aquarellen, Text von Alfred Werner, 78,– DM). "Unsere Generation kann von Pascins Darstellung weiblicher Verführung nicht mehr schockiert werden", schreibt Alfred Werner. Kein Widerspruch. Aber was sagt das über den künstlerischen Rang? Der Autor ist vorsichtig in der Bewertung. Pascin sei kein "Gigant", nur ein eigentümlicheigenwilliger Poet, der im Gebäude der abendländischen Kunst eine Nische gefunden und ausgefüllt habe. Der Maler ist schon so lange tot, und er ist fast vergessen. Die Nische sei ihm gegönnt. Gottfried Sello