Von Werner .Ross

Im 19. Jahrhundert blühte er, wucherte und wilderte, der historische Roman. Die Bestseller wuchsen auf seinem Acker: Scotts „Ivanhoe“ und „Kenilworth“, „Die letzten Tage von Pompeji“ des Lord Lytton Bulwer, „Quo vadis“, „Ben Hur“, schließlich Felix Dahns „Ein Kampf um Rom“. Adalbert Stifter und Gustave Flaubert lieferten die großartigen Fleißarbeiten „Witiko“ und „Salammbo“. Tolstoj entwarf das Riesengemälde von „Krieg und Frieden“. Kilometerweise bedeckten sich die Wände der Museen und Galerien mit pathetischen Szenen: Thusnelda im Triumphzug der Römer, Seni an der Leiche Wailensteins.

Wie die Söhne meistens von den Vätern, so wollte das 20. Jahrhundert nichts mehr vom 19. wissen. Aus Geschichte wurde bunter Plunder, eine Meininger Rumpelkammer. Das Historisieren hörte auf oder änderte seinen Charakter, mußte geistreicher werden, durfte sich kecke Sprünge und Kombinationen erlauben oder beanspruchte, der dargestellten Epoche in Herz und Eingeweide zu blicken. Thomas Manns Josephgeschichten etwa, oder Thornton Wilders „Iden des März“, Ranke-Graves’Claudius-Roman, die Hadriansmemoiren der Yourcenar belegen diese Tendenz. Aber die historischen Kostüme waren doch zu schön, als daß sie gänzlich und jählings hätten aus dem Verkehr gezogen werden können. Es wurde daraus, was man in der Wissenschaft einmal „gesunkenes Kulturgut“ nannte. Der Monumentalfilm warf sich auf Cäsar und Kleopatra oder Sodom und Gomorrha, die Biographie in Romanform wurde populär und eroberte Lesermassen wie einst Ben Hur oder Ursus, der bärenstarke Sklave aus „Quo Vadis“. Und als eine weite Provinz, die jedes Jahr Massen von neuen Leserrekruten stellt, wurde ein breiter Sektor des Jugendbuchs mit Beschlag belegt.

Aus einem großen Angebot neuer historischer Romane für die Jugend stellen wir sechs vor, alle achtbare Vertreter ihrer Gattung, von tüchtigen Handwerkern und Handwerkerinnen des Jugendbuchs verfaßt –

Rosemary Sutcliff: „Frühwind“, aus dem Englischen von Ilse v. Lauterbach; Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh; 287 S., 12,80 DM

Rosemary Sutcliff: „Drachenschiffe drohen am Horizont“, aus dem Englischen von H. Kloerss; K. Thienemanns Verlag, Stuttgart; 292 S., 9,80 DM

Herbert Kranz: „König auf Zeit“; Herder Verlag, Freiburg; 158 S., 7,80 DM