Fontane macht es seinen Freunden nicht leicht; viele seiner Korrespondenzen sind interessanter als manche seiner mißglückten Erzählungen; und seit eh und je schwanken seine Bewunderer, ob sie den Briefen oder den Romanen den Vorzug geben sollen. In der älteren Goetheforschung stritten, nach einem Worte Fr. Th. Vischers, die Sinnhuber und die Stoffhuber; in Sachen Fontane droht uns hie Roman-, hie Briefhuberei (Lukács ist der hartnäckigste der Briefhuber). Die Gefahr besteht darin, daß man aus den Briefen bald dies, bald das beweisen kann; begnügt man sich mit der Korrespondent an Georg Friedländer, ergibt sich das Bild von? freisinnigen Kritiker des Zeitgeistes; hält man sich an die an das Stiftsfräulein Mathilde von Röhl gerichteten Briefe, begegnet man einem Autor, dem es an Toleranz und Freisinnigkeit (vor allem im Verhältnis zu seinen jüdischen Mitbürgern) überraschend ermangelt. Der neue Entwurf eines Lebens- und Zeitbildes von

Herbert Roch: „Fontane, Berlin und das 19. Jahrhundert“; Gebrüder Weiss Verlag, Berlin; 290 S., 19,80 DM

verrät die deutliche Neigung, Fontane als radikalen Liberalen zu rühmen: vor allem aus seinen Briefen, wie es einer biographischen Studie wohl ansteht, und, mit wechselndem Glück, aus manchen seiner Romane. Herbert Rochs überzeugendste Tugend ist die findige Aufmerksamkeit, die er dem kulturgeschichtlichen Detail widmet: Ruppin und Swinemünde, Fontanes Jugendwelt, entfalten sich als kraftvoll bestimmendes Milieu; und in den Berliner Skizzen gewinnen die oft vernachlässigten Realia der Epoche Fontanes Sinn und Bedeutung. Höchst einleuchtend das Kapitel über die Sommerfrischen der Berliner (und ihre Funktion in Fontanes Epik); höchst fruchtbar und vergnüglich die reizvolle Soziologie der Berliner Cafés mit ihren Kreisen, Kasten und Klassen: Storm wollte unbedingt zu Kranzler und fand sich dort, mitsamt dem widerstrebenden Fontane, im Revier der Gardeoffiziere ...

Oft genügt ein glücklich gewähltes Zitat aus zeitgenössischen Dokumenten und Chroniken, und eine Welt wird lebendig. Was sagte Gottfried Keller über den „Tunnel“, jenen Literaturclub erlauchter Amateure, dem auch Fontane lange angehörte? „Ein Gardeoffizier las eine Ballade vor; bei der Umfrage kam auch ich an die Reihe und grunzte: Wrumb! worauf sofort das Wort dem Nächsten erteilt wurde“. Das wiegt ein halbes Dutzend gelehrte Untersuchungen auf.

Allein – die Frage bleibt, ob man Fontane mir nichts dir nichts fast zum Parteigänger Bebels erheben soll. Gewiß, Fontane hatte, vor allem in seinen Briefen, sozialdemokratische Augenblicke, aber in seinem letzten und weisesten Roman liegt der einzige wahrhaftige Prolet seiner epischen Welt angeheitert im Straßengraben, und als eigentliche Leitfiguren erscheinen ein paradoxer Junker (der seine Sympathien für das zaristische Rußland nicht verbirgt), eine Aristokratin sensitivster Weltoffenheit und der portugiesische Dichter und Menschenfreund Joäs de Deus.

Ich bin selber ein Liberaler, aber ich fürchte, ich langweilte mich fürchterlich, fände ich ganze Welt (die pragmatische und die ästhetische) von Schriftstellern bevölkert, die meine Anschauungen teilten. Besäße Fontane nicht stark konservative Züge, wir Liberalen müßten uns einen konservativen Fontane neuerlich erfinden.

Peter Demetz