Glauben die verantwortlichen deutschen Außenpolitiker wirklich, was sie sich selber, ihrem Volke und der Welt nun schon einige Wochen lang einzureden versuchen: daß die Achse Bonn–Paris ohne Schwierigkeiten in das europäisch-atlantische Gefährt eingebaut werden kann? Oder sind ihre politischen Unschuldsbeteuerungen einfach unaufrichtig?

Heinrich von Brentano, der dritte Sendbote Bonns, der sich nach dem Brüsseler Fiasko auf den Weg nach Washington gemacht hat, wird es am Potomac noch schwerer haben als seine beiden Vorreiter Carstens und von Hassel, auf diese Fragen eine plausible Antwort zu geben. Die Ungereimtheiten der deutschen Außenpolitik lassen sich nicht mehr durch simple Bekenntnisse aus der Welt disputieren, seit Dean Acheson mit schonungsloser Deutlichkeit dargetan hat, was de Gaulles Politik für das westliche Bündnis bedeutet und welche Risiken die Bundesrepublik eingeht, wenn sie dieser Politik Vorschub leistet – sei es aus Vorsatz, sei es aus Blindheit.

Trumans ehemaligem Außenminister ist noch heute eine weithin hallende Stimme zu eigen. Mag es auch falsch sein, sie als Stimme des Weißen Hauses zu bezeichnen, so dringt sie doch auf jeden Fall ans Ohr des Präsidenten und hat auch bei dessen Beratern beträchtliches Gewicht – zumal ja der Gewalt des Wortes die Schärfe des Intellekts entspricht. Auch in Bonn ist Acheson, dem Erfinder der NATO und treuen Freund der Bundesrepublik, bisher stets Gehör geschenkt worden. An Bonn auch schien die Rede, die er an der kalifornischen Universität Berkeley hielt, in erster Linie adressiert zu sein: nicht an de Gaulle, von dem Acheson sagte, dieser sei "weder durch Geld, gute Worte noch Zwang von seinem Kurs abzubringen". Jedenfalls war in dem Abschnitt über die Deutschlandfrage Achesons Bemühen unverkennbar, das Wohlwollen, das Verständnis und die aktive Mitarbeit der Deutschen zu erwirken. Wird Bonn auch diesmal auf den ehrlichen Mahner hören?

Was de Gaulle will, hat er schon in seinen Memoiren wortmächtig skizziert: "Es geht darum, die am Rhein, in den Alpen, in den Pyrenäen an Frankreich angrenzenden Länder zu veranlassen, sich ihm in politischer, wirtschaftlicher und strategischer Hinsicht anzuschließen und aus dieser Organisation eine der drei Weltmächte zu machen, die, falls es eines Tages notwendig sein sollte, als Schiedsrichter zwischen dem sowjetischen und dem angelsächsischen Lager auftreten könnte." Ähnlich hat er sich seitdem immer wieder vernehmen lassen. Auf der Grundlage der deutsch-französischen Solidarität, "einer einzigen und gleichen deutsch-französischen Politik", will er ein neues europäisch-sowjetisches Gleichgewicht schaffen – ein Gegengewicht gegen die kommunistischen Länder ohne die Vereinigten Staaten, die er denn auch den Gestaden der Alten Welt fernzuhalten trachtet.

All diese hochfahrenden Träume eines alten Mannes räumte Dean Acheson unwirsch beiseite. Er sprach als Amerikaner, und er gebrauchte vor allem militärpolitische Argumente, und jedes dieser Argumente traf ins Schwarze:

1. Europa allein kann ohne die USA kein Gegengewicht zur Sowjetunion sein. "Westeuropa kann und wird in einem gaullistischen Europa seine Macht nicht vergrößern können, ohne zerstört zu werben. Wenn der General es versucht, dann werden ihm seine russischen Kollegen Einhalt gebieten; lassen sie es aber zu, so werden sie sich seiner entledigen. Das gaullistische Europa muß daher ein Europa unter sowjetischer Hegemonie sein."

2. Europa kann nicht beides auf einmal haben: den Abzug der Amerikaner und die Fortdauer der US-Verpflichtung, Europa nach den Klauseln des NATO-Vertrages gegen Osten zu verteidigen; keine amerikanische Regierung könnte sich darauf einlassen, ihr Land im Ernstfall Europas wegen einzuäschern, sich aber in Friedenszeiten der Mitwirkung und Mitsprache bei der europäischen Verteidigungsplanung zu begeben. "General de Gaulle kann nicht sowohl das Europa seiner Konzeption als auch den NATO-Vertrag seiner Konzeption haben."