Zur Begrüßung eines bedeutenden Zeitgenossen

Von Ivan Nagel

Tibor Déry wurde am 18. Oktober 1894 in Budapest geboren. Er war ein schwaches Kind, litt lange an Knochentuberkulose und wurde von seinen Eltern deshalb verwöhnt. Wie mancher große Schriftsteller dieses Jahrhunderts, Proust und Hofmannsthal zum Beispiel, mag er etwas von seiner außerordentlichen Sensibilität dieser mit Plüsch und Liebe gepolsterten großbürgerlichen Kindheit verdanken.

Bis zu seinem zehnten Lebensjahr wurde er, wie er schreibt, nie gezwungen, zu lügen und Unrecht zu erdulden. Die ersten Erfahrungen der Falschheit und Brutalität der Welt trafen einen Unvorbereiteten, ganz und gar Schutzlosen. Er hatte nicht gelernt, sich durch Abstumpfung oder List zu verteidigen; und weil es nun zu spät war, solches zu lernen, reagierte er fortan jedesmal mit Empörung und fassungsloser Trauer, wenn ein Mensch von Menschen mißhandelt wurde.

Das epische Werk dieses bedeutenden Realisten ist von der unrealistischen Gewißheit durchdrungen, daß Unrecht nicht sein darf. Sein Leben, dessen Bedrängnisse er mit hartnäckiger Bescheidenheit in sein Werk zurückzunehmen versucht, wird vom Bedürfnis gelenkt, den Mißbrauch der Macht anzuklagen und zu bekämpfen. Die Hälfte dieses Lebens verbrachte er als Verfolgter, Emigrant oder politischer Häftling.

Nach der Schule, deren autoritären Zwang er schwer ertrug, trat er in Ungarns größtes Holzverarbeitungswerk ein, das von einem seiner Onkel geleitet wurde; er sollte dessen Nachfolger werden. Als er die unhaltbaren Zustände sah, in denen dort die Arbeiter und kleinen Angestellten lebten, organisierte er 1918 einen Streik. Daraufhin wurde er entlassen und – mit Karl Kraus zu sprechen – „einrückend gemacht“. Er desertierte und trat in die Kommunistische Partei ein.

Zum Kommunismus führten ihn weder blinde Ressentiments gegen das Elternhaus noch scharfsinnige Gedanken über das Wirtschaftssystem – sondern Mitleid und Scham über den eigenen Vorteil.