Von Robert Neumann

Westdeutschland; eine Festung, die nie als solche verwendet worden ist – sondern als Zwangsquartier für Gefangene aus allerlei Kriegen, und nach dem letzten für Kriegsverbrecher, und eben jetzt für ein paar hundert Ostflüchtlinge, nachdem ihre Notbaracke einer Brandstiftung zum Opfer gefallen ist. Die Tüchtigeren, die Jüngeren setzen sich ab, hinaus ins freie Wirtschaftswunder mit seinen festen Anstellungen und festen Wohnungen; es bleiben Alte, Kinder, Arbeitsscheue, Unterdierädergekommene.

Unter diesen ist der „Held“ des Romans von Er heißt Hugo Starosta, und einem Schock höchst plastisch präsentierter Randcharaktere zum Trotz – Nachbarn, Polizisten, Rummelplatzmänner, Huren und ihre Kundschaft – geht es doch fast ausschließlich um diesen Hugo und seine Familie. Er hat eine redliche Frau, die mit ihrem Lebensjammer in die Frömmigkeit flüchtet; eine uralte Mutter, halb verrückt und habsüchtig nach kleiner Münze (sie sammelt für ihren Sarg); zwei Söhne hat er an den Krieg verloren, zwei andere an die reguläre westdeutsche Arbeitswelt, aber die zwei letzten leben noch mit im einzigen Zimmer: ein Halbwüchsiger, der in der Schule und im Leben nicht mitkommt und der der sich verbarrikadierenden Familie nach heroischem Widerstand an die Fürsorgeanstalt verlorengeht, und ein Benjamin, den der Vater vorfindet, da er aus der Kriegsgefangenschaft heimkommt, und wortlos akzeptiert und vor allen liebt. Schließlich: die körperfüllig-frühentwickelte, langsame Tochter – sie läßt sich treiben, in die Prostitution.

Wenn das alles nach Trübseligkeit klingt, so zeigt das wieder einmal, wie wenig man von einem Roman erzählt, wenn man ihn „erzählt“. Tatsächlich vermittelt das Gesagte nur die Ansiedelung dieses Buches, das erstaunlicherweise der erste Roman eines neuen Autors ist. Daß sein Buch nicht trübselig ist, sondern in hohem Maß lesbar, humorvoll und gleichzeitig sonderbar ergreifend, ist dem „Helden“ selbst zu danken, dem pater familias. Er ist eine Gestalt, die man ins Herz schließt: ein Lügner, der nun schon so lange gelogen hat, daß er kaum noch Gläubige findet außer sich selbst; ein Faulpelz, der keinen wirklichen Handgriff tut und doch den Anschein erwecken will – und wahrscheinlich tatsächlich vor sich selbst erweckt –, als wäre er ununterbrochen aufs schwerste beschäftigt; ein Schwächling, der aus purer Schwäche in die eine heroische Tat seines Lebens stolpert – eben jenen Barrikadenkampf um den Sohn, gegen Polizisten und Feuerwehr; ein ununterbrochen Unterliegender, der aber jedesmal im Augenblick seines Unterliegens schon einen Haken geschlagen und ganz neue Rosinen im Kopfe hat – ach, was für Rosinchen! Ich kann ausnahmsweise Friedrich Sieburg nicht unrecht geben, wenn er sich an Dickens, an Micawber erinnert fühlt. Und das führt zu der Frage: Woher kommt dieser neue Mann?

Daß er nicht der „Gruppe 47“ angehört, ist offenbar. Dieser neue Autor hat noch nie mit jemandem über Literatur diskutiert; daher der unbefangene Anschluß an Dickens; daher sein völliger Mangel an „Stil“.

Er sagt seine Dinge plastisch gradaus und ganz ohne Kunst; keine einzige seiner Figuren ist eine Kunstfigur. Woher also? Kommt er vom Sozialistischen Realismus her – unter Abzug des Sozialistischen? Auch Strittmatter hebt ja nicht ununterbrochen den sozialanklagenden Zeigefinger – und ist eben dadurch so wirksam. Nein, auch diese Lokalisierung kann nicht stimmen. Einer, der sich aus dem sozialistischen Realismus löst, zieht nicht einfach den Sozialismus ab und landet bei Dickens. Es ist wohl so, daß da tatsächlich und höchst ausnahmsweise eine starke neue Begabung vom Himmel gefallen ist – ein Kaspar Hauser unserer gegenwärtigen Literatur.

Bleibt eine Sorge. Eine arglose epische Naturkraft wie diese läßt sich überaus leicht korrumpieren; um so leichter in diesem Fall, als der Autor (über dessen Leben uns der Verlag nichts verrät) diese Intimkenntnis des von ihm dargestellten Milieus nicht haben konnte, ohne es aus sehr großer Nähe zu kennen. Ich hoffe, daß er sich nicht korrumpieren läßt – nicht vom Fernsehen, nicht von den illustrierten, nicht vom Film. Widersteht er, so haben wir hier einen Mann, dessen nächstes Buch man mit allerlei Hoffnung erwarten darf.