San Jose (Costa Rica), im März

Es liegt Asche in der Luft. Der kleine Vulkan Irazu ist am Vorabend der mittelamerikanischen Gipfelkonferenz unruhig geworden. Während die sechs Präsidenten von Costa Rica, El Salvador, Guatemala, Honduras, Nikaragua und Panama auf den siebenten Konferenzpartner warten, sickert der Aschenregen in die aufgebauten Mikrophone, legt sich auf weiße Notizblocks und Hemdkragen, trübt die Linsen der Fernsehkameras und die Brillengläser der wartenden Reporter. Die einzige verfügbare Kanone des Staates Costa Rica feuert 21 Böllerschüsse ab. Für sieben Präsidenten hätten es eigentlich siebenmal 21. sein müssen, aber das gute alte Stück würde soviel nicht mehr aushalten – und es waren auch nicht genügend Kartuschen da. Costa Rica ist ein Staat ohne Militär und ohne Militarismus – eine Seltenheit in Lateinamerika, wo so oft glückliche Wenige die unglücklichen Vielen mit Hilfe der Armee regieren und kujonieren.

John Kennedys Glanz mag zu Hause in Washington schon etwas verblichen sein. Hier, unter nahezu tropischer Sonne, wirkt der berühmte Charme wieder ganz unverbraucht, der störrische, dunkelblonde Schopf überragt unternehmungslustig die jubelnde Menge. Costa Rica liegt ihm zu Füßen. So war es in Mexiko und Venezuela, so war es in Kolumbien und Puerto Rico. Es hat wohl noch keinen Präsidenten der Vereinigten Staaten gegeben, der sich so intensiv um die südlichen Nachbarn gekümmert hätte und der zugleich so viele Sympathien in Lateinamerika weckte. Diesmal ist Jackie zu Hause geblieben. Das war ein Fehler; erst mit ihr an seiner Seite kann er die volle Kraft südamerikanischer Begeisterungsfähigkeit entzünden.

Costa Rica ist ein großer Garten. Ewiger Frühling scheint über diesen Hügeln zwischen Atlantik und Pazifik zu liegen. Die Fruchtbarkeit des vulkanischen Bodens schenkt den Bananen- und Kaffeeplantagen Ernten ohne Zahl. Die Holzhütten der Landarbeiter wirken ein bißchen weniger hinfällig als im übrigen karibischen Raum. Wo sie allzu morsch werden, müht man sich rührend, ihre Dürftigkeit durch einen himmelblauen oder rosaroten Anstrich zu übertünchen. Es gibt erstaunlich oft elektrisch Licht, auch auf dem Lande, aber Fensterscheiben sind keine Selbstverständlichkeit. Auf den kleinen Veranden wiegen zehnjährige Mädchen einjährige Geschwister. Mütter mit elf, zwölf Kindern sind keine Seltenheit. Der Geburtenüberschuß von 4 Prozent im Jahr ist Weltspitze. Die Zahl bedeutet, daß die Bevölkerung Costa Ricas sich in weniger als 20 Jahren verdoppelt.

Die wirtschaftliche Wachstumsrate kann mit dieser Bevölkerungsexplosion nicht Schritt halten. In dem Wettlauf zwischen der Vermehrung hungriger Mäuler und der Steigerung der Wirtschaftsproduktion liegt das schwierigste Problem aller lateinamerikanischer Länder. Die Allianza para Progresso, des gesamtamerikanische Bündnis für den Fortschritt, hat im Grunde kein anderes Ziel, als diesen Wettlauf zu gewinnen. Die Vereinigten Staaten sind bereit, erhebliche Opfer zu bringen. Im Rahmen eines Zehnjahresplanes sollen rund 20 Milliarden Dollar flüssig gemacht werden, um die 19 mittel- und südamerikanischen Nationen „ins zwanzigste Jahrhundert zu führen“, wie Präsident Kennedy es ausdrückte.

Dazu ist freilich mehr erforderlich als Geld. Es fehlt an Menschen. In den lateinamerikanischen Entwicklungsländern gibt es keine ausreichende Anzahl von genügend ausgebildeten und vertrauenswürdigen Beamten, Technikern, Handwerkern. Aber auch die Vereinigten Staaten verfügen noch nicht über so viele Kräfte, wie notwendig wären, um beides gleichzeitig leisten zu können: die technische und administrative Hilfe und das diplomatische Fingerspitzengefühl, das dazu gehört, sie für die empfindlichen, stolzen und schwer berechenbaren Südamerikaner annehmbar zu machen.

Costa Rica heißt „reiche Küste“. Costa Rica wird die Schweiz Mittelamerikas genannt – so wie Uruguay eine Art Schweiz des südamerikanischen Halbkontinents ist. In diesem Land zwischen Panama und Nicaragua, wo ein guter Kaffee wächst, der in erheblichem Umfange nach Deutschland exportiert wird – in Costa Rica kommt auf den Kopf der Bevölkerung ein Einkommen von durchschnittlich 1600 Mark im Jahr. Das ist nicht viel, gemessen an den etwa 4000 bis 5000 Mark in der Bundesrepublik oder den nahezu 10 000 Mark pro Kopf der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten. Es ist aber bemerkenswert viel im Vergleich mit dem lateinamerikanischen Durchschnitt oder mit den vier anderen zentralamerikanischen Ländern. In Guatemala, El Salvador, Honduras und Nicaragua kann der einzelne Bürger mit nicht mehr als etwa 700 bis 800 Mark im Jahr rechnen. Die Zahl für Panama liegt etwa bei 1200 Mark.