Eine Übersicht über erzählende Werke der jüngsten Sowjet-Literatur

Von Wolfgang Leonhard

Die seit Jahren währende Auseinandersetzung zwischen der künstlerischen Intelligenz und dem sowjetischen Parteiapparat ist um ein neues Kapitel reicher. Auf einem Treffen der Parteiführung’mit sowjetischen Schriftstellern und Künstlern hielt Chruschtschow vor mehreren Tagen eine fünfstündige Rede, die für längere Zeit die Generallinie der Partei sein dürfte. Es war eine scharfe Abrechnung mit zu weit gehenden“ Schriftstellern und Künstlern und den von ihnen vertretenen Ansichten. Die Chruschtschow-Rede bedeutet zwar nicht eine „Rückkehr zum Stalinismus“ – dies dürfte unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum möglich sein –, wohl aber einen sehr ernstzunehmenden Versuch der Kreml-Führung, den liberalen Trend in der Sowjetliteratur abzustoppen und die Schriftsteller und Künstler wieder mehr unter die Kontrolle der Partei und ihres Apparates zu bringen. „Presse und Rundfunk, Literatur, Malerei, Musik, Film und Theater sind eine scharfe ideologische Waffe unserer Partei“, sagte Chruschtschow. „In Fragen des künstlerischen Schaffens wird das Zentralkomitee von allen – vom verdientesten und bekanntesten Literatur- und Kunstschaffenden ebenso wie vom jungen Debütanten – die strikte Einhaltung der Parteilinie verlangen.“

Aber es gibt noch einen anderen Aspekt der jüngsten Chruschtschow-Rede – und von diesem soll hier die Rede sein. Fast ein Drittel seiner Rede widmete der sowjetische Parteiführer nämlich der stalinschen Vergangenheit seines Landes. Aus seinen Worten ging dabei deutlich hervor, wie sehr gerade dieses Problem gegenwärtig im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht – sowohl in der Realität als auch, in seiner Widerspiegelung, in der Literatur. Die Bemerkung Chruschtschows, Verlage und Redaktionen würden gegenwärtig mit Erlebnisberichten aus der Stalin-Ära „überschwemmt“, zeigt, wie groß- das Interesse ist, sein Hinweis, dies sei „ein sehr gefährliches Thema“, wie sehr die Parteiführung darüber beunruhigt ist. Chruschtschow beschwor die Schriftsteller und Künstler geradezu, ihre Aufmerksamkeit nicht einseitig auf Gesetzlosigkeit, Willkür und Machtmißbrauch der Stalinzeit zu konzentrieren und „nahezu alle Ereignisse in düsterem Licht darzustellen und in schwarzen Farben auszumalen“. Man dürfe, so meinte der sowjetische Parteiführer, schließlich nicht vergessen, daß es auch „glückliche und freudige Jahre, Jahre des Kampfes und der Siege, des Triumphes der kommunistischen Ideen waren“.

Die Warnungen Chruschtschows, die Schrecken der Stalin-Ära nicht zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen, sondern auch die positiven und freudigen Seiten der Vergangenheit zu sehen, wirken zunächst unverständlich. War es nicht Chruschtschow selbst, der in seinem Geheimreferat den Anstoß zur Verurteilung der Stalin-Verbrechen gab? Hatte er nicht auf dem 22. Parteitag im Oktober 1961 die gesamte Bevölkerung mit detaillierten Einzelheiten über den Terror der Stalin-Ära bekanntgemacht? Liegt es nicht in seinem eigenen Interesse, sich von dieser düsteren Periode zu distanzieren, um damit seine eigene Herrschaftsperiode in hellerem Glanz erscheinen zu lassen?

All dies ist sicher richtig – aber es ist nur die eine Seite. Das Abbremsen Chruschtschows in der „Stalin-Frage“ wird verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, wie weit manche Schriftsteller und Künstler in dieser Abrechnung gegangen, wie sehr in den letzten Monaten die Anti-Stalin-Literatur in der Sowjetunion angewachsen ist. Seit dem 22. Parteitag im Oktober 1961, vor allem aber seit dem Frühjahr 1962, sind in der Sowjetunion bedeutend mehr Romane und Erzählungen über die Verbrechen der Stalin-Ära erschienen, als man gemeinhin im Westen annimmt; und ihre Kritik reicht viel tiefer. Das berühmte Buch von Solschenizyn („Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“), das inzwischen in alle Weltsprachen übersetzt wurde, ist keine Ausnahme, sondern ein Beispiel – wenn auch ein hervorragendes – unter vielen anderen.

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