Paris, im März

Die „Schwarzgesichter“ erfreuen sich auch in der vierten Streikwoche allgemeiner Sympathie; jedenfalls ergab eine Erhebung des französischen Instituts für Meinungsforschung, daß fast vier Fünftel der Franzosen ihre Lohnforderungen für gerechtfertigt halten. Das war ein Wink für die Regierung, den Forderungen der Bergleute nicht mit einem rigorosen „Nein“ zu begegnen.

Sie ließ sich vom Gremium der „drei Weisen“ ein Gutachten anfertigen. Die Technokraten-Troika unter dem Vorsitz des Bevollmächtigten für den „IV. Wirtschaftsplan“, Masse, kam zu dem Ergebnis, den Bergleuten sollten 8 % statt der bisher vorgeschlagenen 5,7 % Lohnerhöhung zugestanden werden. Premierminister Pompidou beugte sich diesem Schiedsspruch; nicht aber die Gewerkschaften. Sie beharrten auf 11 Prozent.

Den Gewerkschaften war die Institution des „IV. Wirtschaftsplans“ längst suspekt, weil sie dahinter die Absicht vermuteten, das System der freien Lohnverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern einzuschränken. Daß Plankommissar Masse engagiert wurde, um den Lohnkonflikt zwischen dem Staat und seinen Arbeitnehmern zu schlichten, schien ihre Befürchtungen nur zu bestätigen. Außerdem machen die Grubenarbeiter der Regierung zum Vorwurf, sie wolle die 8 % Lohnerhöhungen zu einem Teil auf Zulagen anrechnen, die ihnen ohnehin zustünden.

Nach rund 100 Millionen verlorener Arbeitsstunden in den staatlichen Betrieben und Verlusten in Höhe von mindestens 200 Millionen Francs in den Kohlengruben ist immer noch kein Ende des Streiks abzusehen. Und je länger er dauert, um so mehr wächst er sich zu einer großen politischen Auseinandersetzung aus. Seit fast vier Wochen sind die Grubenarbeiter ohne Einkommen. Das Gefühl, ausgehungert zu werden, könnte den Groll der Bergarbeiter über die vorenthaltene Lohnerhöhung in politische Verbitterung verwandeln. Die Kohlenreserven mancher Industriebetriebe gehen zur Neige. Hinter vorgehaltener Hand wird schon von einer Bewirtschaftung der Gasversorgung gesprochen. Neue Arbeitsunterbrechungen werden die Eisenbahnen sowie die Gas- und Elektrizitätswerke lahmlegen. All dies fördert eine gefährliche Tendenz: die Politisierung des Streiks.

Sprecher der parlamentarischen Opposition haben bereits in die Diskussion eingegriffen und die atomare Rüstungspolitik de Gaulles für die Mängel in der Sozialpolitik verantwortlich gemacht; in der Nationalversammlung freilich ist de Gaulle nicht gefährdet. Jede Debatte würde dort mit einem Sieg der Gaullisten enden. In dieser Kraftprobe sieht sich die Regierung also ganz allein den „Schwarzgesichtern“ gegenüber, die der Regierung Konzessionen abgerungen haben, die noch vor wenigen Wochen jeden Konflikt verhindert hätten. Es fragt sich nur, wie lange sie noch durchhalten können. Rudolf Fischer