Von Barbara Bondy

Es sieht Muriel Spark, der englischen Europameisterin in ironischen Weltstudien, ähnlich, ein Buch auf den Markt zu werfen, das „Robinson“ heißt –

Muriel Spark: „Robinson“, Roman, aus dem Englischen von Elizabeth Gilbert; Diogenes Verlag, Zürich; 264 S., 17,80 DM.

Ausgerechnet Robinson: Millionen fixierter Knabenträume, heimlich ins Mannesalter hinübergerettet, geraten in Bewegung: Abenteuer, heldenhafte Einsamkeit, Zivilisationsabkehr, das „Bild eines Sterblichen, der sich eine Welt allein erbauen muß“ (wie Sieburg einmal den Robinson. Crusoe apostrophierte); man denkt sich unwillkürlich ein Publikum, das in hellen Scharen nach Robinson II. greift. Denn werwäre in der verplanten Welt frei von Inselsehnsucht, wer hätte unter uns Geräte-Erschöpften nicht zuweilen das Verlangen nach einer gerätelosen Erde, wer ersehnte, kollektiven Aufbauprogrammen ausgeliefert, nicht dann und wann sein eigenes, privates, ergebnisreicheres?

Jedoch der Muriel Spark-Kenner ahnt, daß diese unbeirrte, hochvergnügte Darstellerin menschlicher Schnurrigkeit, Torheit, Gebrechlichkeit gewiß nicht die Absicht hatte, der Welt ihren Robinson wiederzugeben – daß man demzufolge nicht Zeuge von Erbaulichem (im Doppelsinn des Wortes) sein wird, sondern im Gegenteil, wie gewohnt, Zeuge einer gewaltigen Abtakelung. So ist es denn auch: Dem Menschen dieser Jahrhundertmitte helfen keine Inseln mehr. Wenn die Ich-Erzählerin des Romans, January Marlow, Witwe und Journalistin („...zwei Lebensbedingungen, in denen man sich zu helfen wissen muß...“), hinreißende Intelligenzbestie in den Dreißigern, auf der Insel – 1600 Kilometer im Umkreis ist nur Wasser – unverdrossen den Verlust ihres Schminckoffers bejammert, so ist das keine der zahlreichen Arabesken eines Charakters, in deren Erfindung die Autorin Meister ist, sondern eine handfeste Metapher.

Kein heroischer einzelner also, sondern drei moderne und mediokre Londoner werden – durch einen Flugzeugabsturz – auf die 217 Quadratkilometer große Insel im Atlantik in der Nähe der Azoren verschlagen, die Robinson heißt und zu allem Überfluß noch von einem, der Robinson heißt – Mr. Miles Mary Robinson – bewohnt wird. Er hat dort ein hübsches Haus im spanischen Stil, Rossini-Platten und eine vorzügliche, hauptsächlich philosophische Handbibliothek. Dies alles leistet er sich dank eines erheblichen Vermögens im Hintergrund, das irgendwie mit dem Vertrieb von Motorrollern in Afrika zusammenhängt. Offensichtlich gehört er nicht nur zu denen, die der Motorroller und Mitmenschen mit der Zeit überdrüssig werden, sondern auch zu den Berufenen, die quittiert haben: Sowohl das Priesteramt wie das politische Engagement verlor ihn wieder. Auf der Insel lebt er aus Konservenbüchsen – Pflanzenbau und Urbarmachung ist im Gegensatz zu Robinson I. nicht seine Sache; er beschäftigt sich mit Rossini, wie gesagt, mit Studien gegen den katholischen Marienkult, den er verabscheut, und mit Pädagogik: Zwar hat er keinen Freitag gefunden, aber immerhin Miguel, den neunjährigen, den ihm ein sterbender Granatapfelpflücker sozusagen hinterlassen hat. Ansonsten goutiert Robinson zweifellos seine Insel, den weißen Sandstrand, die gelben Senffelder, den blaugrünen See, die unterirdischen Höhlen und die Haie ringsum.

Er haßt Lösungen und die Idee des Glücks, und da gerade diese beiden Kategorien ihm von seinen ungebetenen Gästen ständig vorgetragen werden, kann man sich vorstellen, wie ungern er sie hat. Immerhin, als das Flugzeug vom Himmel auf die Insel fiel, 26 Leichen verstreuend und drei Lebendige, tat Mr. Robinson das, was nötig war, begrub die Toten, sammelte und pflegte die drei Übriggebliebenen: January Marlow, Tom Wells, einen dubiosen Businessman und Handlungsreisenden in Amuletten, Jimmie Waterford schließlich, Januarys Flirt, seinen entfernten Vetter, sonderbarerweise, der ihn sowieso gerade besuchen wollte.