Wieder einmal wird unter „Russen“ (um das schreckliche Wort Sowjetmenschen zu vermeiden) die Weltmeisterschaft im Schach ausgetragen. Botwinnik, der Verteidiger des Titels, ist Ukrainer, Petrosjan, der Herausforderer, Armenier. Während sie kämpfen, sitzt ein blutjunger Amerikaner im Hintergrund und wartet seine Stunde ab: Bobby, alias Richard Fischer. Er ist felsenfest davon überzeugt, daß das Vorherrschen der östlichen Spieler im Schach eine Seifenblase sei, die er, Bobby, eines Tages zum Platzen bringen könne – ob er nun den Ukrainer oder den Armenier niederzuringen haben wird. Auch wäre da noch Keres, auch er kein richtiger Russe, aber für die UdSSR spielend; er ist Este und so gefährlich wie einer jener beiden, aber schicksalsmäßig immer nur dicht an der Weltmeisterschaftswürde vorbeispielend ... Auch vor Keres hat Bobby keine Angst. Von allen diesen Großmeistern des Schachspiels ist zweifellos Bobby die interessanteste Erscheinung.

Er ist nun kein Wunderkind mehr, der Amerikaner Bobby Fischer, Fischer mit deutscher Schreibweise sch, sondern er ist neunzehn Jahre alt und hat im New Yorker Schachturnier einmal wieder die amerikanische Meisterschaft errungen, vor seinem alten Rivalen Sam Reshewski, der auch als Wunderkind anfing und mit sieben Jahren Schach spielte wie ein alter Meister. Bobby wurde „erst“ mit neun schachbesessen und begann „erst“ mit dreizehn auf Turnieren zu spielen; mit vierzehn hatte er die amerikanische Championwürde, ein Jahr darauf galt er als internationaler Großmeister, der auf der Ebene der vordersten Elite mitspielen durfte und von da an unweigerlich in allererster Reihe stand.

Das hatte kuriose Begleiterscheinungen: Bobby war fortan überzeugt, daß er der beste Schachspieler der Welt sei, nicht nur seiner Zeit, sondern aller Zeiten überhaupt, und gab dieser Überzeugung bei jeder gebotenen und ungebotenen Gelegenheit drastischsten Ausdruck. Er wurde zu jener Zeit, zu seinem Mißbehagen, von seiner älteren Schwester begleitet, die das schwierige Amt versah, ihn zu bemuttern, aber bald die Nase davon voll hatte. Er trat in betont schlampigen Pullovern auf und gab Autogramme wie ein Alter. Offenkundig war er größenwahnsinnig, und man erwartete, daß er binnen kurzem umkippen müsse; aber abgesehen von seinem hochfahrenden Benehmen gegen seine Gegner am Brett, die er samt und sonders als weit unter sich stehend einschätzte, kippte er nicht um, sondern spielte Partien von einer Reife, Durchdachtheit, ästhetischen Finesse und einer Sicherheit des Zugriffs, daß man seine Arroganz gegen den Gewinn einer einzigartigen Schöpferkraft in Kauf nahm und abwartete, daß sein Schaum sich klärte.

Das tat er auch, obzwar seine Schulleistungen kläglich waren; aber immerhin wurde er langsam besonnener und fing sogar an, sich elegant anzuziehen, was er gelegentlich bis zur Wunderlichkeit trieb und noch treibt. Doch in einem Punkt blieb er unerbittlich: in seiner Selbsteinschätzung; und namentlich hatte er es auf die sonst unbestrittene Hegemonie der Russen abgesehen.

Seit 1927, als Alechin Capablanca in einem schier endlosen Match überwand, haben die Russen nicht nur die Weltmeisterschaft in Händen, sondern stellen auch ein stattlich besetztes Elite-Team, das im internationalen Rangstreit stets weit vorn liegt, natürlich sehr zum Verdruß der Amerikaner, die gar keine Chance hatten, in die Phalanx einzudringen – bis Bobby auf den Plan trat.

Und Bobby macht seither diesen Rangstreit zu seinem vordersten Hobby und Ehrgeiz, und wirklich spielt er – als einziger – mit den bedeutendsten Sowjetspielern, als da sind Botwinnik, Keres, Petrosjan, Tal, Symslow, Kortschnoj, Taimanow ranggleich. Schon das wird in der Schachwelt als Sensation empfunden. Keiner dieser Matadoren hat Anlaß, auf Bobby herabzublicken – er aber blickt mit neunzehnjährigolympischer Zuversicht auf sie alle herab. Und erklärte in einem Interview mit schöner Bescheidenheit: „Botwinnik als Weltmeister? Er wird alt, er soll abtreten. Ich werde ihn schlagen. Ich werde Weltmeister, ich spiele besser als sie alle.“ Tatsächlich hat er alle von ihnen in Turnierpartien, schon besiegt, außer Botwinnik.

Als er nach seiner herausfordernden und verletztenden Äußerung auf der Schach-Olympiade mit Botwinnik zu spielen hatte, geschah das Aufsehenerregende, daß er diesen tatsächlich auf einer bei ihm kaum je vorkommenden Unvorsichtigkeit ertappte und Gewinnstellung erlangte; Botwinnik mußte hart um ein knappes Unentschieden kämpfen und tat es mit solch eiserner Verbissenheit, daß Bobby trotz eines Materialvorteiles nichts ausrichten konnte. Mit einer verärgerten Handbewegung willigte er ins Remis ein, stand auf und verließ grußlos das Brett. Weltmännische Selbstbeherrschung ist nicht seine Sache. Aber seit dieser Partie hat sich seine Überzeugung, er könne den Weltmeister schlagen, noch befestigt.