Wieder ist einer der klassischen Sprintrekorde gefallen. Der 20jährige US-Student Henry Carr durchraste in einem Städtchen in Arizona die 220 Yards = 201,17 Meter auf einer 400-m-Kurvenbahn in 20,3 Sekunden. Da der bisherige Weltrekord von drei Sprintern, dem Engländer Radford (1960) sowie den Amerikanern Drayton (1962) und Hayes (1963) gehalten wurde – über 200 m sind sogar sechs Namen in die Rekordliste eingetragen wähnten manche, hier sei der Mensch endlich auf eine jener Barrieren gestoßen, die seiner Hybris ein gebieterisches Halt zurufen.

Aber der Weltrekord über 220 Yards mit 20,5 bedeutete ja schon, daß die drei angelsächsischen Sprinter die 200 m, also über einen Meter weniger, mindestens in 20,4 Sek. gelaufen sein müßten. Da die Kampfrichter auch gute Angelsachsen waren, vergaßen sie, an der neumodischen metrischen 200-m-Marke die Uhren zu stoppen, sondern sie drückten erst, wie es sich gehörte, bei 220 Yards auf die Chronometer, Dabei setzen wir voraus, daß die Zeitmessung mit der Hand auf + 1/10 Sekunde genau sei, was aber nicht der Fall ist. Da aber der junge Yankee seinerseits die 200 m in 20,2 gesprintet sein muß, hat er mit Sicherheit einen neuen Weltrekord erzielt, denn die Meßgenauigkeit. – mit Stoppuhren beträgt ± 2/10 Sek.

Für den Laien wird die Geschichte etwas mysteriös wenn er erfährt, daß Carr wahrscheinlich gar nicht „schneller“ war als seine Vorgänger. Unter Schnelligkeit sollte an sich die Höchstgeschwindigkeit verstanden werden; diese scheint bei Henry Carr, nach seinen bisherigen 100-Yards-Zeiten zu urteilen, aber gar nicht einmal sensationell zu sein. Offenbar besitzt aber der 90 kg schwere farbige Sprinter ein ganz hervorragendes Stehvermögen, so daß er eine bessere Durchschnittsgeschwindigkeit über die 220-Yards-Strecke als seine „Vorläufer“ erreichte, ohne eigentlich „schneller“ als diese zu sein.

Auf gerader Bahn ist Carr bis jetzt erst auf Vio Sekunde an den etwas sagenhaften Weltrekord von Sime, der auf 20,0 Sekunden steht, herangekommen. Die Kenner stehen Zeiten über 200 m und 220 Yards, die auf gerader Strecke erzielt wurden, gern mißtrauisch gegenüber, weil selbst ein erlaubter Rückenwind von weniger als 2 m/Sek. die Leistung bereits merklich .begünstigt. Aber zuzutrauen war Mister Sime diese Zeit, die 19,9 Sek. für 200 m bedeutet, durchaus. Wie schoß er doch 1960 in Rom auf den letzten zehn Metern im 100-m-Finale noch an Armin Hary heran. Auch der 1,90 m große, neue Mann aus Arizona kann ohne Kurve die 200 m in 19,9 Sek. laufen.

Exakt läßt sich aber der Zeitverlust, der durch die Kurve auftritt, nicht feststellen. Im allgemeinen werden 3/10 Sek. dafür angenommen. Die Ursache für diesen Zeitverlust ist einmal durch die Krümmung, zum anderen durch ungenügende Überhöhung der Kurven bedingt, wie sie die herkömmlichen Aschenbahnen alle aufweisen. Ungenügend ist diese Überhöhung allerdings vor allem für die Sprinter mit ihrer Geschwindigkeit von etwa zehn Metern pro Sekunde, während sie für die Langstreckler ausreicht.

Aber noch eine weitere Unzulänglichkeit kommt hinzu. Die Aschenbahnen für die Läufer kennen in der Regel nur Kurven in Gestalt von Kreisbögen oder von aneinander gesetzten Kreisbögen, wie bei den häufig verwandten Korbbögen. Auf dem Reißbrett werden die beiden Korbbögen einem Rechteck aufgesetzt, dessen beide Längsseiten die Geraden der Bahn bilden. Der Übergang von der Geraden in die Kurve und umgekehrt aus der Kurve in die Zielgerade erfolgt wegen dieses recht simplen – Konstruktionsschemas ziemlich abrupt und verlangt ein Mehr an Kraft gegenüber einer „ideal“ entworfenen Kurve, denn der Läufer muß nun um die Richtungsänderung bzw. die Drehung zu erwirken, noch stärker mit dem äußeren Fuß abdrücken. Da die Überhöhung der Aschenbahnen für einen Sprinter ganz unzureichend ist, muß er noch gegen die Fliehkraft laufen, d. h. das Aus-der-Kurve-geschleudert-werden. mit einem Mehraufwand von Kraft verhindern. Aber selbst eine richtig überhöhte Kurve, wie wir sie bei Bob-, Rad- und Automobilrennbahnen kennen, „zehrt an der Geschwindigkeit“, wie Hans Schuppe in seiner Physik der Leibesübungen schreibt – eben wegen der für die Richtungsänderung notwendigen Energie.

Beim Hallenländerkampf Deutschland-Großbritannien am letzten Wochenende in Stuttgart wurden nun wiederum, wie schon in Berlin bei den deutschen Hallenmeisterschaften, ganz erstaunliche Zeiten erzielt, die man noch vor wenigen Jahren auf den schmalen nur 200 m langen Hallenbahnen mit ihren „engen“ Kurven für ganz unmöglich gehalten hat. Man hatte allerdings bald heraus, daß es nicht an der Superform der Athleten, sondern an den neuen Laufbahnen lag; deshalb wurden die Hallenbahnen in Stuttgart, Berlin und Dortmund auch als „Wunderbahnen“ apostrophiert.