Von Willi Bongard

Ihre Residenz in Frankfurt hat die deutsche Tochtergesellschaft der wohl größten Werbeagentur der Welt – J. Walter Thompson. Die Gesellschaft ist nicht wenig stolz auf ihre Geschichte, die bis in das Jahr 1864 zurückreicht – eine kleine Ewigkeit für amerikanische Begriffe. Das Hauptgebäude dieser Agentur in der Bockenheimer Landstraße, in der Nachbarschaft des amerikanischen Generalkonsulats, könnte von Passanten ebensogut für ein Versicherungsunternehmen gehalten werden.

Nirgendwo in der Bundesrepublik dürften mehr Werbefachleute auf einem Fleck versammelt sein als hier. Die deutsche Thompson-Tochter beschäftigt rund 480 Mitarbeiter, betreut mehr als 90 verschiedene Erzeugnisse von etwa 60 Kunden, darunter Ford, Pepsi Cola, Sunlicht (Lux, Suwa), Brinkmann (Marlboro) und Kraft (Käse).

An der Spitze der deutschen Niederlassung stehen Peter Gilow, Denis Lanigan und Alfred Jancke. Gilow ist ehemaliger Generalstabsoffizier, Lanigan hat nach Abschluß seines Studiums bei der Bank von England gearbeitet, und Jancke hat Erfahrungen als Industriekaufmann sammeln können. Der einzige Amerikaner, der hier beschäftigt wird, ist Graphiker. Die Agentur nimmt insofern eine Sonderstellung ein, als sie allein den Mitarbeitern gehört. Dieser Grundsatz wird bare Münze durch Gewinnbeteiligung und Altersversorgung.

Thompson huldigt – im Unterschied zu McCann – bewußt dem Prinzip der Zentralisation und Konzentration aller Mitarbeiter. Die besondere Stärke dieser Agentur ist die Textabteilung, die in Werbekreisen einen geradezu legendären Ruf genießt. „Der Texter ist einer der wichtigsten Gesprächspartner für alle Probleme, die eine Marke stellt“, lautet, ein Selbstbekenntnis der Agentur. „Seine Ideen, seine Erfahrungen, seine kreativen Fähigkeiten sind entscheidend (!) für die Werbelinie eines Produkts.“ Entsprechend legt man in der Bockenheimer Landstraße auf die Texterschulung besonders großen Wert. Die Agentur hat eine besondere „Schwäche“ für Akademiker; sie beschäftigt mehr als fünfzig, darunter etliche Promovierte...

Eine Tochter aus der Neuen Welt, die ihrer Mutter aufs Haar gleicht, ist die Frankfurter Niederlassung von „Young & Rubicam“, der drittgrößten amerikanischen Werbeagentur. In einem modernen Bürohochhaus in der Großen Gallusstraße hat diese Agentur gleich drei Stockwerke gepachtet, acht Mark je Quadratmeter. Hier fühlt man sich wahrhaftig wie in der „Madison Avenue“. Alle Türen stehen offen, soweit überhaupt welche da sind. Die Büros sind nach amerikanischem Muster nur durch halbhohe Wände voneinander getrennt. Die Hausfarben – grün und braun – werden konsequent durchgehalten bis hin zur Empfangsdame, die in grüner Bluse und braunem Rock die Honneurs macht. Indes, von 125 Mitarbeitern haben nur drei einen amerikanischen Paß. Der Stolz von Young & Rubicam ist das Durchschnittsalter der Mitarbeiter – 30 Jahre.

Die Agentur ist – ebenso wie Foote, Cone & Beiding, McCann und Thompson – Mitglied der Gesellschaft Werbeagenturen (GWA), also eine „Full Service-Agentur“, deren besondere Stärke die Fernsehwerbung ist.