Von Ralf Dahrendorf

Die meisten Menschen stellen sich ihre Gesellschaft als aufgebaut aus zwei ungleichen Teilen, einem Oben und einem Unten vor. Das gilt in allen Ländern, und es galt auch wohl zu allen Zeiten.

„Die da oben“, das sind die, die den anderen das Gesetz ihres Handelns diktieren, die „die Hand am Drücker“ haben, die alle wichtigen Entscheidungen treffen und in ungewöhnlichem Umfange an den Gütern dieser Welt beteiligt sind.

„Wir hier unten“ dagegen müssen uns den Gesetzen beugen, die „die da oben“ für uns machen; wir sitzen nicht hinter dem Schalter, sondern stehen vor ihm; wir schreiben nicht Strafverfügungen aus, sondern zahlen nur, wenn wir erwischt werden.

Für viele gibt es zwischen diesem Oben und Unten noch eine Mitte, eine Leiter mit vielen Sprossen, auf der all jene stehen, die weder nur befehlen noch nur gehorchen: eben der Mann hinter dem Schalter, der Lohnbuchhalter, der Polizeibeamte und der Feldwebel.

So ergibt sich also das Bild einer sozialen Ordnung, in der jeder seinen Platz oben oder unten oder irgendwo dazwischen hat; und wenn die meisten auch heute auf ihrem Platz nicht mehr ein für allemal festgenagelt sind, so wissen sie doch zu jedem gegebenen Zeitpunkt, wo sie stehen.

Derlei Gesellschaftsbilder haben sicher ihre Berechtigung. Sie beschreiben in einiger Vereinfachung, welche Distanz soziale Normen und Traditionen zwischen Mensch und Mensch setzen – Distanzen, die nicht weniger real sind als die, die sich in Meilen und Kilometern ausdrücken lassen.