Wolfsburg

Zieh’n Sie die Jacke aus“, befahl Kriminalkommissar Koralski. Dann unterzog er den Pastor Rudolf Dohrmann einer sorgfältigen Leibesvisitation. Zu diesem peinlichen Verfahren fühlte sich Koralski durch ein Schreiben der Lüneburger Staatsanwaltschaft legitimiert: Wegen Verdachts zersetzender Propaganda (§ 100d StGB) wird gemäß §§ 102, 105 StPO die Durchsuchung der Wohnung oder sonstiger Räume des Beschuldigten, seiner Person und der ihm gehörenden Sachen angeordnet...“

Einige Tage später erzählten sich Dohrmanns Nachbarn: „Der Pastor ist nach Israel geflohen.“ Aber der Pazifist Dohrmann kehrte zur Überraschung vieler Wolfsburger braungebrannt von einer Studienfahrt nach Israel zurück. Ich traf ihn an seinem Schreibtisch in der ärmlichen Umgebung einer der letzten Pionierbaracken Wolfsburgs. Er blätterte in einem Aktenordner mit Zeitungsausschnitten, Durchsuchungsbefehl, Anti-Atomtod-Flugblättern und erzählte: die Geschichte eines theologischen und politischen Außenseiters.

Der Weg Dohrmanns, der zum Ermittlungsverfahren wegen des „Verdachts zersetzender Propaganda“ führte, begann im Seminar des Mainzer „Industriepfarrers“ Symanowski. Dohrmann machte sein Praktikum als Pfleger in einer Irrenanstalt jenseits der Zonengrenze. Er arbeitete in einer Chemie- und einer Zementfabrik, bevor er im Jahr 1959 zusammen mit drei theologischen Gesinnungsfreunden in Wolfsburg Deutschlands erste Industriediakonie gründete. Die jungen Theologen waren entschlossen, Christi Wort in die Montagehallen des Volkswagenwerkes zu bringen.

In Wolfsburg verfolgte man die unkonventionellen Praktiken protestantischer Kirchenleute nicht ohne Skepsis. „Die Werksleitung stellte irritiert fest, wir versuchten es ‚von unten anstatt von oben‘,“ berichtet Dohrmann und fügt hinzu: „Ja, von oben hat es unsere Kirche ja lange genug versucht.“

Der Arbeiterpfarrer ging jedoch nicht nur auf seelsorgerischem Gebiet neue Wege, sondern scherte sich auch wenig um politische Konventionen. Im Februar 1959 stand er mit einer Fackel bewaffnet auf dem Klagesmarkt in Hannover und demonstrierte gegen den Atomtod – Schulter an Schulter mit überzeugten Atheisten und Kommunisten.

Der Verfassungsschutz wurde aufmerksam: Der Pastor hatte nicht nur flüchtige Kontakte zu kommunistisch unterwanderten „Friedensorganisationen“ in der Bundesrepublik gehabt, sondern fuhr auch ziemlich häufig über die Zonengrenze. Zu Hause kritisierte er die Bonner Regierung und verteidigte Kriegsdienstverweigerer. Zwar wies er alle Anbiederungsversuche der „Deutschen Friedens-Union“ entschieden zurück, wurde jedoch Gewerkschaftsmitglied. Vor den letzten Bundestagswahlen erklärte er sich mit einigen Amtsbrüdern öffentlich für die SPD. Und im November des vergangenen Jahres folgte er zusammen mit 24 protestantischen Geistlichen einer Einladung des kommunistischen „Deutschen Friedensrats“ nach Weimar und diskutierte mit SED-Funktionären die Frage „Koexistenz in Deutschland – Illusion oder Möglichkeit“.