Von Robert Jungk

In der Dämonologie unserer Tage nimmt Edward Teller, der sogenannte "Vater der Wasserstoffbombe", die Rolle des Teufels vom Dienst ein. Seit Hitlers und Stalins Tod ist dieser Platz im Vorstellungsbild der Zeitgenossen verwaist, und so bietet sich der Volksphantasie dieser "diabolisch gescheite wissenschaftliche Fanatiker" (ich zitiere eine oftmals gehörte Wertung) als geeigneter Kandidat für den Thron des Meistverhaßten, des Meistgefürchteten, des Gottseibeiuns ganz besonders an. Dabei ist es Teller gelungen, sowohl die Verkenner und Hasser der Wissenschaften wie die Wissenschaftler selbst (bis auf ganz wenige Ausnahmen) zu erzürnen; ja, er brachte es sogar fertig, Antisemiten ("da sieht man’s mal wieder!") und Philosemiten ("ein Abtrünniger!") in gemeinsamer Abscheu zu einen.

Die Kritiken, die sein neuestes Buch – Edward Teller: "Das Vermächtnis von Hiroshima"; Econ Verlag, Düsseldorf; 286 S., 19,80 DM.

– bei seinem Erscheinen in den USA und in England hervorrief, waren besonders leidenschaftlich ablehnend, wenn sie aus der Feder von Fachleuten für Rüstungsfragen kamen. Wayland Young, ein führender englischer Spezialist, vergaß seinen englischen Hang zum Understatement soweit, daß er im Guardian dieses Buch einfach als "disgraceful" verurteilte, nachdem er dem Autor zuvor wissentliche Fehldarstellung historischer Tatsachen nachgewiesen hatte. Schlimmer noch: Im amerikanischen Bulletin of the Atomic Scientists, dessen Ehrenpräsidium Teller selbst angehört, zieht Professor Hans J. Morgenthau das Fazit eines vernichtenden Verrisses: "Wie ich schon sagte, ist das Werk literarisch enttäuschend. Als Einführung in die Welt politischen und militärischen Denkens und Handelns ist es noch schlechter."

Was veranlaßt einen deutschen Verleger, ein solches Buch übersetzen und drucken zu lassen? Ist es der autobiographisch-historische erste Teil, in dem Teller noch einmal die Geschichte des Baus der Atom- und der Wasserstoffbombe auf Grund seiner eigenen Erfahrungen und Erlebnisse erzählt? Da wird selbst der meistinteressierte Leser wenig Neues erfahren. Zum Teil ist dieser Abschnitt des Buches wörtlich aus dem längst veröffentlichten stenographischen Protokoll des Untersuchungsausschusses gegen Tellers großen Widersacher Robert J. Oppenheimer übernommen. Der vielbeschäftigte Physiker Teller und sein Mitarbeiter Allen Brown haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, die damaligen mündlichen Aussagen Tellers umzustilisieren. Um aber den Kohl etwas fetter zu machen, wurden noch einige "populäre Anekdoten" hinzugesteuert, die im plattesten Massenmagazinstil für ein wenig human interest sorgen sollen.

Da sieht dann die Weltgeschichte (und es könnte sich hier sogar um ein Vorspiel zum endgültigen Ende dieser Geschichte handeln) so aus (Seite 53): "Im März und April 1951 erklärte ich jedem, der nur zuhören wollte, daß es möglich sei, eine Wasserstoffbombe zu konstruieren. Anfang März diskutierte ich den Bericht mit dem Direktor von Los Alamos, Norris Bradbury, mit dem Leiter der theoretischen Abteilung, Carson Mark, und anderen Mitarbeitern. Im April erklärte ich dem Vorsitzenden der Atomenergiekommission, Gordon Dean, meine Ideen. Dean schien interessiert, aber irgendwie nicht bei der Sache. Nachdem ich sein Büro verlassen hatte, entdeckte ich den Grund dafür: Der Reißverschluß an meiner Hose hatte versagt."

Wenn es zutrifft, daß "der Stil der Mensch ist", dann dekouvriert sich Teller hier als ein durchaus nicht "diabolisch gescheiter" Dämon, sondern als ein armer Teufel, der sich so ungeschickt rechtfertigt und so tolpatschig argumentiert, daß er jedem auch nur einigermaßen in die von ihm behandelte Problematik Eingeweihten ob seinem Mangel an dialektischer Geschicklichkeit leid zu tun beginnt.