Nun hat Präsident Kennedy auch seinen UN-Chefdelegierten Adlai Stevenson auf eine Good-will-Tour über den großen Teich geschickt. Die Stationen seiner Reise sind Paris, London, Brüssel, Bonn, Berlin, Madrid und Rabat. Sein Mammutauftrag lautet: für Washingtons Politik zu werben, das Mißtrauen zwischen den Partnern auszuräumen, für die atlantische Partnerschaft, den Beitritt Großbritanniens zum Gemeinsamen Markt und für das amerikanische Programm einer multinationalen Atommacht der NATO gutes Wetter zu machen.

Einen Vorgeschmack der Schwierigkeiten seiner Mission bekam Stevenson schon zu Beginn seiner Rundreise in Paris. Dort scheute er sich zwar nicht, vor NATO-Offizieren de Gaulles Vorwürfe zurückzuweisen, Washington sei nicht zur bedingungslosen Verteidigung Westeuropas bereit. Er widersprach zugleich in deutlicher Form der Behauptung des französischen Informationsministers Peyrefitte, der Abzug der US-Landraketen aus der Türkei käme den Sowjets zustatten. Dann aber, bei seinem Gespräch mit dem Ministerpräsidenten Pompidou‚ mußte auch Stevenson die Erfahrung machen: Mit gutem Zureden ist bei den Franzosen nichts auszurichten.

Doch nicht allein um de Gaulles atlantische Politik ging es Amerikas UN-Chefdelegiertem in Paris. Gerade für seine Gespräche mit den französischen Politikern hatte Stevenson von seinem Präsidenten eine Anweisung erhalten, die nicht auf seiner offiziellen Agenda stand: die finanzielle Misere der Vereinten Nationen.

Frankreich hat sich – wie auch Belgien, die Sowjetunion, Südafrika und Portugal – seit dem Beginn der UN-Aktionen im Kongo strikt geweigert, dafür seinen Anteil zu zahlen. Seit den Algerien-Abstimmungen in der Vollversammlung schaut de Gaulle mit scheelem Blick auf die UN. „Die Maschine“, so höhnte er einmal über die Weltorganisation.

Seine Weigerung nun, sich an den Sonderkosten der Vereinten Nationen zu beteiligen, zwang die Amerikaner, tiefer in die Tasche zu greifen, als sie es nach dem UN-Finanzplan nötig hätten. Von 1957 bis Ende 1962 übernahmen sie fast 50 Prozent der Kosten für U Thants Truppen am Kongo und im Gaza-Streifen. Allein die Aktionen gegen Katanga und die Hilfsmaßnahmen für die Regierung in Leopoldville verschlangen jeden Monat 40 Millionen Mark. Die Auslandshilfe Washingtons für den Kongo, die über die UN lief, betrug allein 800 Millionen Mark. Nach amerikanischen Berechnungen braucht Leopoldville, dessen Defizit unterdessen auf 400 Millionen Mark angewachsen ist, eine Geldspritze von 720 Millionen Mark.

Kennedy hat erst kürzlich in aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben, daß er – angesichts der störrischen Haltung der zahlungsunwilligen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates – nicht mehr bereit ist, den Topf der Vereinten Nationen mit Dollars aufzufüllen. Er will in Zukunft nur noch den von den UN-Finanzexperten für die USA errechneten Anteil von 32 Prozent zahlen, nicht mehr und nicht weniger.

UN-Generalsekretär U Thant mußte ihm wohl oder übel beipflichten. Auch er weiß, daß die Schulden der Vereinten Nationen durch die Aufgaben im Kongo und im Gaza-Streifen inzwischen auf rund 400 Millionen Mark angestiegen sind. Auch er kennt die Schuldigen: die Sowjetunion, die allein mit 200 Millionen, und Frankreich, das mit 56 Millionen Mark im Rückstand ist. Insgesamt sind es fünfzig Staaten – darunter auch das ständige Sicherheitsratsmitglied Formosa –, die bei den Vereinten Nationen „in der Kreide stehen“. U Thant will jetzt ein letztes Mal versuchen, die Säumigen zu mahnen: Vor Beginn der nächsten Sitzung der Vollversammlung am 14. Mai, auf der das Finanzproblem erörtert werden soll, will er jene fünfzig Schuldner-Regierungen in Briefen an ihre Verpflichtung erinnern. Obendrein will er mit einigen von ihnen auch an Ort und Stelle verhandeln.

Seinem Bittgang aber wird wohl ebensowenig ein Erfolg beschieden sein wie der Mission Stevensons. U Thant hat kein Druckmittel in der Hand, um seine Schuldner dazu zu zwingen, ihre alten Rechnungen endlich zu begleichen. Weder die scharfe Reaktion Kennedys noch die Drohung mit dem Urteil des Haager Gerichtshofes – Zahlungsverweigerung bedeutet nach zwei Jahren Entzug des Stimmrechts – wird bei den Betroffenen einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Und am Ende werden es doch wieder die USA sein, die den Vereinten Nationen „aus der Patsche“ helfen. Das wird mit Zähneknirschen auch der amerikanische Kongreß einsehen. Es geht ja nicht zuletzt um das Geld, mit dem Washington in der UN seine Politik durchzusetzen vermag. Dietrich Strothmann