Eine Straße. Eine breite Straße mit Bäumen zwischen Trottoirs und Fahrbahnen, mit jungen Bäumen. Die Straße ist alt. Wo ich stehe, senkt sie sich zur großen Stadt hinab. Es ist eine Straße wie andere. Sie ist älter als viele Straßen. Die engeren, winkligen, die in sie einmünden, in diese breite Straße mit den jungen Bäumen, sind noch älter. Aber du bist jung. Du wohnst in einer dieser Straßen. Vierstöckige Häuser haben sie, auch fünfstöckige, mit lang herabgezogenen Fenstern, die sind mit hüfthohen Gittern versehen. Diese Straßen sind nicht besonders breit. Ihre hohen Häuser lassen sie schmäler scheinen als sie sind, schmal wie du. Und so dunkel wie du. Und so schön wie du. Und manchmal scheint die Sonne, und in einer der schmäleren Straßen, sie kommt von Westen und mündet in die alte, breite Straße mit den jungen Bäumen, trifft die Sonne die südlichen Giebel und Dachfirste und macht sie zu einer goldenen Welt fremder Begebnisse, über den Schatten.

Vielleicht sind die jungen Bäume in der breiteren Straße Linden, oder sind es Akazien? Und wo die etwas gebogene Straße einmündet mit den hohen Graten der Firste, Kamine, Brandmauern, Giebel, da steht nah hinter einer Mauer eine Kirche, sie ist alt. Ich weiß, du weißt den Namen, und du sagst ihn schöner als ich. Das Kirchenschiff längs der Straße, hoch überragt es die Mauer, und es wird überragt vom viereckigen Turm, Rustika, kantenscharf, der spitzige scharfe Turmhelm ist neuer. Und die Glocken kann man hören, wenn sie eine volle Stunde verabschieden, über dem Brausen der Straße mit den jungen Bäumen, deren Namen ich nicht weiß, es ist ein Januartag, bald Februar, zu früh für das Grün des Laubes, ich erkenne die Art der Bäume nicht an den Stämmen und Ästen. Viel Zeit wird nicht mehr vergehen, und sie werden Laub tragen und schön sein, ohne zu frieren. Könnte ich erkennen, ob es Akazien oder Linden sind! Akazien sind schön, Linden auch, Linden anders schön, und auch du. Du. Du gehst neben mir her.

In jedem Frühling grünen sie wieder. Die Glocken im kantigen strengen Rustikaturm schlagen und läuten, Stunden, so viele, und andere Gelegenheiten, und sie läuten. Sie klingen schön über dem Brausen der Straße, alt und fromm. Eine Kirche zwischen Wacholdersträuchern und Basaltquadern, eine Viehweide im Rücken, danach der Hang, dunkel mit Fichten bewehrt. Eine kleine Kirche mit ihren Glocken, sie klingen, wenn sie die Stunden schlagen und zu Gottesdiensten rufen, sie klingen alt und fromm. Dort und hier, hier, dort, wo? Die Glocken, alt Und fromm. Streng. Weise. Ich bin den Hang hinaufgegangen bis oben hin, wo die Fichten Erde und Himmel zusammennadeln, ich blicke hinab und weit hin ins Land, es ist grün, es leuchtet, nein, es ist Januar, bald Februar, und das Land liegt unter einer weißen Decke und schweigt. Und darüber ist noch eine Decke, noch weißer, die sehe ich, alles andere ist sehr und besonders fern, unsichtbar, noch da. Es taut noch nicht. In der kristallenen Luft klingt durch die weiße Nebelwolkendecke das Erz der Glocken, alt, sehr streng und weise. Und fromm, strenger als sonst. Ich weiß nicht, wann ist sonst? Über mir, zwischen mir und der weißen Decke, glüht blauer Himmel. Ich friere.

Ich friere? Ich gehe am Rand eines alten Platzes, hohe graue Häuser umranden ihn. Ich komme in eine nicht breite Straße mit hohen grauen Häusern, die Straße ist etwas gekrümmt, ich komme aus einem der Häuser des belebten alten Platzes, dort wohne ich im fünften Stock. Einmal wohnte ich in einer Straße hinter dem Platz, der Platz heißt Carrefour de Croix Rouge, und die Straße, in der ich wohnte, heißt Rue Cherche Midi. Ein schöner Name. Wie du, du bist schön. Ich gehe durch die Rue du Dragon, auch sie ist so alt, du bist jung. Dort drüben, rechts im Eckladen einer einmündenden Straße, auf dem Platz, kaufe ich manchmal Gebäck, mit Creme, es ist sehr süß, es schmeckt mir gut. Du bist schön. Und dort, visà-vis, in dem Blumenladen, habe ich zwei neue Francs für eine Nelke bezahlt. Sie war hell karminrot. Es waren aber neun Nelken. Jetzt kaufe ich sie lieber am Pont Neuf, oder noch näher den Markthallen, bei einer Standfrau an einer Straßenecke, dort sind sie viel billiger, frischer womöglich, ich glaube es, aber es ist nicht schlimm, daß ich den dunklen Blumenladen am Carrefour wählte, denn es war das erstemal, daß ich dir Blumen gab, im sechsten Arrondissement.

Ich weiß nicht, was heißt: jetzt, irgendwann, einstmals? Wo die kleine Kirche zwischen Viehweide und Fichtenhang steht, dort bist du mir begegnet. In Nister, es heißt so. Ich wußte nicht, daß ich erschrak, mein Herz erschrak und wußte es, da lächelte ich, das wußte ich nicht. Du blicktest auf den Weg, ich sah dich an, ging weiter, drehte mich um. Ein weißes Kopftuch, ein blauer Rock, eine graue leichte Wollweste, nein: bloße Arme, und über die Knöchel gehende feste Schuhe, du kommst von den Feldern und trägst eine Hacke. Die Schuhe sind oben zu weit, sie sind nicht zu groß, deine Fesseln sind schmal. Ich sehe dich, der blaue Rock umschwingt dir Waden und Hüften, ich blicke dir nach. Hinter der Hecke verschwindest du.

Sie ist gerade siebzehn, erfahre ich. Wie heißt sie? Sie heißt Lydia. Die Glocke im kleinen grauvermörtelten Kirchturm schlägt die Stunden und zählt keinen Tag. Alt und fromm, weise, streng. Oder schwermütig, der Klang verliert sich die Fichtenhöhe empor. Die Landstraße führt am Saum des Hangs entlang, und ein Fuhrwerk knarrt, langsam kommt es näher, wiegende Köpfe der Zugochsen, und an der linken Seite des Gespanns das weiße Kopftuch, der blaue Rock. Ich wechsele die Straßenseite, ich konnte deine Hand berühren und sage Guten Tag. Du blickst mich fast an, ich meine ein Lächeln zu spüren, an einem Nebeltag Spreu von Licht, flüchtig durch das Grau, ich sehe zu deinen Augen hin, sie sind grau, und ich sehe sie leuchten. Ich habe zu leise gegrüßt, das Fuhrwerk knarrt zu laut. Die Antwort auf meinen Gruß hätte ich nicht überhört.

Du gehst vorbei, ich sitze unter dem Glasdach dicht neben den Steinstufen zum Eingang des Cafés in der breiten Straße mit den jungen Linden oder Akazien, ich habe meinen Kaffee schon bezahlt. Der neben mir mit dem Rollkragen, ein Indonese, sah, daß ich dich sah, er lächelte. Es galt nicht dir. Es kümmert mich nicht, ich stehe auf und folge dir. Die berittene kleine Mannschaft der Garde republicaine überholt mich, dann dich, rechts unter den jungen Bäumen, und ich bin neben dir, ich sage: Pardon, wie heißt diese Straße? Du siehst mich an und blickst weg, ich gehe neben dir und rede, der Himmel ist wie Perlmutt und die Häuser. schön und alt, nicht wahr, und Sie sind jung, und hören Sie das Trappeln der Pferdehufe! Gekräuselte Lippen, du lächelst, das ist Antwort, und ich sage: Sie wissen, Mademoiselle, wen das Denkmal drüben zeigt? Ich finde den geschweiften Sockel schön, und wie er da oben sitzt, das ist vortrefflich proportioniert, und Sie wissen natürlich, wer Diderot war, ich sollte sagen: ist. Die rechte Schulter etwas, geneigt, weil er wägend dasitzt, den rechten Arm aufs Knie gestützt, die Hand erhoben, gerade beredet er mit d’Alembert einen schwierigen Passus der Encyclopedie, er doziert, Es ist schön, es ist Spätbarock, schön, ich meine das Denkmal. Du lächelst. Ich sage: Hinter Diderots Rücken, der kleine Laden Ecke Rue Gozlin, dort, wo LIVRA über dem kleinen Laden steht, sehen Sie hin? Ich werde diesen Laden mieten.