Von Walther Killy

Die Ideologie sieht sich genötigt, das Große auf ihr eigenes, beschränktes Maß zu reduzieren. Gegenüber der Wahrheit der Erscheinung verhält sie sich häretisch: Sie borgt ihr Teile ab und gibt vor, das Ganze zu zeigen, das sie als Ganzes nicht brauchen kann.

„Das Maß ist der Mensch und nicht die Ideologie“ – so war in der ZEIT vom 22. März 1963 ein Aufsatz über Tibor Déry überschrieben. „Das Maß ist die Ideologie, nicht die geschichtliche Erscheinung“ – so hätte man den Artikel überschreiben sollen, den Hans Mayer in derselben Ausgabe Jean Paul und seinem Nachruhm gewidmet hat.

Nichts in diesem Artikel stimmt, das Bild des Dichters so wenig wie die Geschichte seiner Wirkungen, und es gibt wohl keinen abwegigeren Gedanken als den, diesen Titanen unter den deutschen Erzählern zum politischen Protestierer zu stempeln.

Seine Poesie ist keine „Dichtung der vergeblichen Sehnsucht nach anderen Zuständen“. Sie gehört zum Höchsten, was poetische Einbildungskraft in deutscher Sprache hervorgebracht hat. Als Poesie ist sie nahezu absolut, nur noch mit einem unsichtbaren Faden an die wirkliche Welt geheftet, Musik der Musik, um eine Wendung des Dichters zu gebrauchen. Nichts ist ihm gleichgültiger als die Wirklichkeit (auch wenn er sich im Tage engagierte), mit nichts erreicht man ihn weniger als mit den Begriffen der „Gesellschaftsgeschichte“.

Es bleibt deshalb unerfindlich, auf welche Weise die Jahre 1848, 1871 und 1914 die „Grundphänomene“ einer Dichtkunst hätten „lösen“ sollen, welche sich selbst mit folgenden Worten zu verstehen suchte: Es ist, als wenn der Mensch, von neuen Bergen aus Wolken umschlossen, ohne Himmel und ohne Erde, bloß im Meer des Schnees treibend – so ganz allein – kein Sington und keine Farbe – ich wollte etwas sagen; nämlich der Mensch muß aus Mangel äußerer Schöpfung zu innerer greifen.

Nichts Verdrießlicheres könnte dem Dichter geschehen, als daß man die unerhörten Farben und Töne solcher inneren Schöpfung in Gleichsetzungen für die Plattheit täglicher Verhältnisse umdeutet. Im Werke Jean Pauls geht es um anderes. Könnte man es auf Begriffe bringen, so bedürfte es dieses Werkes nicht, das mit wenig Handlung und verhältnismäßig wenigen Gestalten immer wieder neue Figuren für die Einsamkeit des Menschen ersinnt, der in der Welt der Morgenröten und Nachtigallenlieder nur noch flüchtigen, keinen wirklichen Halt mehr findet. Von neuen Bergen aus Wolken umschlossen, ohne Himmel und ohne Erde...