In Amsterdam hat der „Eurunion“-Europäischer Anlagefonds, Luxemburg, eine Versammlung seiner Anteilseigner abgehalten. Das war – meines Wissens – die erste Veranstaltung dieser Art. Es wurde der Versuch gemacht, die Anteilseigner eines Fonds mit der Anlagepolitik der Fonds-Leitung bekanntzumachen. Wenn man die Zahl der erschienenen Anteilseigner – sie war nicht einmal zweistellig – zum Gradmesser des Erfolges nimmt, dann blieb das Ergebnis entmutigend. Dennoch wird auf diesem Wege fortgefahren. Die nächste Versammlung findet im kommenden Frühjahr in Frankfurt/Main unter der Obhut der Berliner Handels-Gesellschaft statt. Ich bin sicher, meine verehrten Leser, daß im Laufe der Zeit das Interesse an diesen Versammlungen wachsen wird, obgleich die Anteilseigner wissen müssen, daß ihnen statutengemäß jeder Einfluß auf die Anlagepolitik verwehrt ist. Sie können zuhören, Fragen stellen und Informationen sammeln. Mitbestimmen oder Opposition machen können sie nicht.

Eurunion wurde 1959 von einer Gruppe europäischerFinanzinstitute gegründet. Zu ihr gehört als deutsche Bank die Berliner Handels-Gesellschaft. Das Fonds-Vermögen wird von den „Société de Gestion pour l’Investissement dem le Marche Commun“, Luxemburg, verwaltet. Luxemburg wurde als Sitz gewählt, weil hier ein Fonds am wenigsten von hemmenden gesetzlichen und steuerlichen Vorschriften eingeengt wird. Der Verwaltungsrat des Luxemburger Instituts setzt sich aus leitenden Mitgliedern der Gründerhäuser – zusammen, wie überhaupt bis in die untere Ebene „europäisch“ gearbeitet wird. Seitdem 1961 beschlossen wurde, auch britische Werte in das europäische Portefeuille aufzunehmen, nehmen ebenfalls Vertreter englischer Banken an den Anlageberatungen teil. Zur Unterstützung der Anlagepolitik wurde das Eurosyndicat Investment Research Bureau ins Leben gerufen, daß sich Methoden der Finanzanalyse bedient, die sich bereits in den USA und Großbritannien bewährt haben.

Dies mag alles etwas kompliziert klingen, doch nach einigen Übergangsschwierigkeiten hat sich diese Form der Zusammenarbeit bewährt – auch zum Nutzen der Eurunion-Anteilseigner. Erinnern wir uns, daß der amtliche deutsche Aktienindex 1962 um 24 % zurückging und halten wir dann den Rückgang der Ausgabepreise des Eurunionzertifikats von 9 % dagegen, dann sehen wir, wie gut die Eurunion-Besitzer gefahren sind. Aber dieser Vergleich ist unfair, denn man stellt Äpfel und Birnen gegenüber. Man kann den deutschen Aktienindex nicht mit einem europäischen Portefeuille in einen Topf werfen. Das einzige was wir daraus lernen können, ist das: Es gibt Zeiten, in denen es nützlich ist, die Anlage von Geldern international zu streuen. Und wir sollten uns deshalb fragen, ob wir bei unseren Dispositionen nicht mehr und mehr dazu übergehen sollten, die europäischen Börsen als „unseren“ Markt zu betrachten. Nur wenn wir das tun, schöpfen wir die Möglichkeiten der Aktienanlage voll aus.

Wenn ich behaupte, daß die Anlagepolitik von Eurunion erfolgreich war, dann läßt sich dies statistisch nachweisen. Das Eurosyndicat veröffentlicht einen Index, der aus 100 ausgewählten europäischen Aktien errechnet wird. Er weist 1962 einen Rückgang von 13 % aus (gegenüber nur 9 % von Eurunion). Nun muß aber auch hier wieder ein Einwand gemacht werden. Eurunion ist kein reiner Aktienfonds und infolgedessen auch nicht mit einem reinen Aktienindex vergleichbar. Am 31. 11. 962 waren 17,16 % des Fondsvermögen nicht in Aktien angelegt, konnten also auch von der verbreiteten Aktienbaisse nicht erfaßt werden. Wenn man das berücksichtigt, dann wird klar, daß die Hauptaufgabe eines Fonds darin zu bestehen hat, den Börsentrend richtig zu beurteilen und zu entscheiden, wann der Rentenanteil zu Lasten des Aktienportefeuilles zu verstärken ist oder umgekehrt. Die Abweichungen in den Kursbewegungen der einzelnen Aktienwerte fallen demgegenüber weniger ins Gewicht. Die Arbeit der Analysten, deren Aufgabe es ist, die anlagewürdigsten Aktien herauszufinden, kann immer erst nach Jahren Früchte tragen.

Wie sieht Eurunion nun die europäische Börsenzukunft? Die Anlageexperten sind der Ansicht, daß die europäische Börsenbaisse, die nun schon rund 3 Jahr andauert, in etwa ihren Tiefpunkt erreicht hat. Eurunion hat in den vergangenen Jahren eine sehr vorsichtige Anlagepolitik betrieben (hoher Anteil an festverzinslichen Papieren und flüssigen Mitteln). Diese Politik wird vorerst fortgesetzt werden. Also sieht man den Zeitpunkt für eine durchgreifende Änderung der Börsensituation noch nicht für gekommen.

Im Portefeuille wurden im vergangenen Jahr bemerkenswerte Veränderungen vorgenommen. So erschien es der Fondsleitung angebracht, die anhaltende feste Verfassung der Pariser Börse (der französische Börsenaktienindex stieg 1962 sogar noch um 3 %) im vergangenen Frühjahr zu Gewinnmitnahmen bei Werten auszunutzen, deren Kursstand gefährdet erschien. Auch die Anlage in Italien wurde, vor allem durch den vor der Nationalisierung durchgeführten Abbau der Stromversorgungswerte, verringert. Dagegen hat der Kursrückgang in der Bundesrepublik und in den Niederlanden zur Verstärkung der Anlagen in diesen Ländern Anlaß gegeben, wie überhaupt nach meinen Gesprächen der Pessimismus hinsichtlich der deutschen Aktien in unseren EWG-Partner-Ländern weit weniger ausgeprägt ist als bei uns. Man hat unsere durch die Kosteninflation entstandenen Schwierigkeiten durchaus erkannt, rechnet aber offensichtlich damit, daß der Anstieg der Kosten sich in absehbarer Zeit entweder verlangsamen oder von Italien und Frankreich „überrundet“ werden wird. Eurunion hat den 1961 beschlossenen Erwerb englischer Werte nur zögernd fortgesetzt.

Wie 1961 wurde der Anteil der Grundstoffindustrie, hauptsächlich der Eisen- und Stahlindustrie sowie der Chemie, weiter verringert. In der Chemie ging der Abbau zu Lasten der französischen und italienischen Werte, während der Anteil der deutschen Großchemie verstärkt wurde. Im übrigen folgte die Eurunion dem allgemeinen Trend, sich stärker in den Branchen zu engagieren, die von der steigenden Kaufkraft profitieren. Daher nahmen an Stelle der Chemiewerte die Banken, Finanzinstitute und Versicherungen den ersten Platz im Portefeuille ein. Verstärkt wurden auch die Anlagen in der Erdöl- und in der Versorgungsindustrie (Aktien der Deutschen Erdöl AG sind im Eurunion-Fonds nicht enthalten).