Die Patienten in den korrekt geordneten Stuhlreihen erinnern an eine Klasse losgelassener Tertianer. Keiner ist unter 35 Jahre alt. Einer, imitiert einen Kuckuck, der Nachbar einen Hund, sie kichern und rücken mit den Sesseln. Bis der Herr Lehrer kommt; da werden sie still.

Der „Lehrer“ ist Professor Werner Zabel, Besitzer einer bekannten Klinik für biologische Heilverfahren, unweit Berchtesgadens. Zweimal in der Woche hält er Vorträge und beantwortet schriftlich vorgelegte Fragen. Diesmal zum Beispiel: „Warum esssen wir kein Obst, sondern trinken Säfte?“ Leicht zu beantworten für alterfahrene Praktiker. Er nimmt den Einwand vorweg, daß die Natur ja Obst hervorbringe und keine Säfte. Die Säfte enthielten Vitamine, Mineralien, Fruchtzucker, der Rest sei nutzlose Zellulose. Wollte man soviel Obst essen, wie es einem einzigen Glas Saft entspräche – es gelänge kaum.

Dann will jemand wissen, ob zufriedenes Leben körperliches Wohlbefinden fördere. Da gibt es schon mehr zu sagen – über leib-seelische Wechselbezüge, über hypnotische Versuche, mit denen beispielsweise G. R. Heyer die spontan einsetzende Wirkung eines suggerierten Glücks- oder Trauergefühls auf Magen und Darm nachgewiesen hat; über die Erscheinung des stress, der Seelenkrankheit unseres geschäftigen Zeitalters. Die Zuhörer lauschen gespannt. Am Schluß klatschen und trampeln sie. Beim Hinausgehen bleibt der Professor einen Augenblick stehen und sagt: „Ich bin da immer etwas betrübt. Früher haben die Leute nicht geklatscht – sie haben nachgedacht.“

Diese Vorträge, in denen über medizinische Fragen, über allgemeine Gesundheits- und sogenannte Lebensprobleme gesprochen wird, sind eine Art geistiger Ergänzung der Kuren, die hier seit über 25 Jahren gemacht werden. Sie reichen von den fastenähnlichen Formen der Ernährung mit Säften bis zur vegetarischen Vollkost. Der Arzt betont, daß diese Diätkur nichts mit „Vegetarismus“ zu tun habe. Vegetarische Ernährung gibt er, weil sich dabei der gesamte Organismus in kurzer Zeit am gründlichsten umstellt. Das bewirkt wiederum die „Entschlackung“ und Ausheilung bestimmter Leiden, vor allem Gallen-, Leber- und Magen-Darm-Krankheiten. Die Patienten erhalten nur Vollkornbrot, Säfte, viel Roh- und Salatkost und immer wieder zu allen Mahlzeiten Quark in jeder erdenklichen Form und Kombination, dazu homöopathische und Pflanzenmedikamente. Zabel ist ein heftiger Gegner der „verdoppelten Eiweißzufuhr“ bei älteren Menschen. Seiner Erfahrung nach genügt angereicherter Quark als Proteinnahrung vollkommen.

Ist die Kur, die nicht weniger als vier Wochen dauern soll, beendet, dann rät der Arzt, zu gemischter Kost zurückzukehren. Aber von nun an soll die Grundlage vegetarisch sein, nur drei Fleischmahlzeiten in der Woche werden empfohlen. Kein Weißbrot, möglichst kein Zucker, wenig Butter, keine Mixgetränke und kein konzentrierter Alkohol. Vor Bier, das ein Mastmittel ist, wird gewarnt. Und Nikotin, so heißt es, verbietet sich von selbst.

Die Diätkur ergänzen Massagen und Bäder. Dabei sind nur Wechsel-Teilgüsse erlaubt und normale Ganzmassagen. In bestimmten Fällen wird durch eine Injektion Fieber erzeugt und durch ein „Fieber-Bad“ (Schlenz-Verfahren) unterstützt. Man kann auf diese Weise eine Grippe, mit der ein Patient normalerweise eine Woche im Bett liegt, auf zwei Tage beschränken.

Professor Zabel hat seinem streng klinischen Betrieb eine reine Fasten- und Kurabteilung angegliedert, bei der auf die komplette Durchuntersuchung verzichtet werden kann. Nur die nötigen, den Patienten nicht belastenden Tests werden vorgenommen. Danach beginnt die Fasten- und die ebenso wichtige Aufbaukur. Es ist die Methode, die der ermüdete, abgehetzte Mensch am nötigsten hat, möglichst schon als vorbeugende Kur.