Von René Drommert

Die zuweilen gebrauchte Metapher von den zwei Seelen in einer Brust scheint auf Thomas Edward Lawrence, dem „ungekrönten König von Arabien“, nicht recht anwendbar. Lawrence ist weniger ein Problem des Auslotens psychischer Tiefen als des Dechiffrierens. Der englische Erzähler und Biograph Richard Aldington hat den Anführer und siegreichen Vollender der Revolution der Araber gegen die Türken im Ersten Weltkrieg zum größten Aufschneider seit Münchhausen erklärt. Es sind Bücher über Lawrence erschienen, in denen er als Scharlatan, Hochstapler „und Schlimmeres“ bezeichnet wird.

Der Ausdruck „Schlimmeres“ deutet charakteristisch auf Umstände und Eigenschaften, die man offenbar nicht benennt, weil sie, wenn sie zuträfen, sofort als gesellschaftlich inopportun und moralisch verwerflich gelten müßten: Anomalität, Perversität, Narzismus, Neigung zum Transvestitentum und eben: „Schlimmeres.“ Als ein verhältnismäßig harmloses und dementsprechend nicht kaschiertes Kriterium seiner abnormen Veranlagung ist es auch anzusehen, daß Lawrence; sadistische und zugleich masochistische Züge hatte.

Als sadistisch ist sein Waten in dem Blut zu nennen, das der fast frauenlose Columbia-Film in Super-Panavision „Lawrence von Arabien“ anläßlich eines Hinmetzeins von Türken in beängstigendem Technicolor-Rot über die breite Leinwand spritzt.

Als Beleg seines Masochismus mag. eine Stelle aus Lawrences Buch dienen, das der Verfilmung hauptsächlich zugrundegelegt wurde: „Die sieben Säulen der Weisheit“ (deutsch für 16,80 DM im List-Verlag). Der türkische Statthalter von Deera ließ Lawrence, der ihm nicht zu Willen war, auspeitschen. Lawrence hatte, wie er sich am nächsten Tag erinnerte, bei all seinen Schmerzen den Korporal, der mit Nagelschuhen nach ihm stieß, träge angelächelt; „eine köstliche Wärme, wahrscheinlich sexuell“ durchflutete ihn.

Zuweilen gerät man in Zweifel, was die Zuneigung des britischen Offiziers zur Wüste bedeutete. Ist darin Zivilisationsflucht oder atavistischer Natur-Mystizismus? Jedenfalls nichts von sentimentaler, rokokohafter Naturschwärmerei oder Rousseauscher Zurück-zur-Natur-Idyllik. Bisweilen wird man von der schlimmen Ahnung befallen, Arabien sei. für diesen seltsamen Panerotiker so etwas wie ein Lustschloß seiner abnormen Neigungen gewesen. Bis ihn der Ekel mehr und mehr, und schließlich vollends, übermannte.

Jedenfalls ist das Liebesleben, wie man in dem Buch auf den ersten Seiten erfährt, oft von illusionsloser Nüchternheit gewesen, Vollzug von Naturkräften jenseits des Gefühlslebens. Es ist dem Film, dessen Regisseur David Lear. heißt, zwar nicht vorzuwerfen, daß er dieses Liebesleben (ohne Frauen, ja, im Abscheu von der Schmuddeligkeit der Prostituierten) nicht unverblümt zeigt. Aber es ist ihm ganz gewiß vorzuwerfen, daß er insgesamt das Gesetz der Wüste verkennt, aufschwemmt, verweichlicht Denn die Härte wird es ja wohl auch gewesen, sein, die schon den Oxford-Studenten und Archäologen Lawrence, der von Geburt an schwächlich war, magisch anzog.