Ägypten hat keine nuklear-militärische Macht und baut vorläufig keinen Reaktor zu diesem Zweck. Nassers Zurückhaltung hat gute Gründe:

a) Die Investition bedingt eine Abzweigung der Auslandshilfe-Gelder, die Ägypten erhält, und eine Hemmung seiner wirtschaftlich-industriellen Entwicklung. Das bedeutet, es würde hinter anderen arabischen Staaten (Irak, dem Maghreb) zurückbleiben.

b) Der Bau eines militärischen Reaktors verpflichtet Ägypten, sich auf fremde Fachleute zu stützen und erfordert seine Eingliederung in einen der rivalisierenden Blocks, also die Aufgabe seiner neutralen Linie. Das alles steht im Gegensatz zu den politischen Grundsätzen der ägyptischen Regierung. Die Initiative zur Vorbereitung der atomaren Bewaffnung geht nicht von Kairo, sondern von Jerusalem aus.

Wie wäre die Sicherheitslage, wenn beide Parteien – Israel und Ägypten – mit Atomwaffen ausgerüstet würden? Ein kurzer Atomkrieg zwischen den beiden Rivalen (über große nukleare Bestände werden sie nicht verfügen) bedeutet für Ägypten die Zerstörung eines Teils seiner Großstädte und ein bis zwei Millionen Opfer; für Israel aber die Vernichtung der Bevölkerung und des Staates schlechthin. Vom Standpunkt eines chauvinistischen arabischen Führers aus, der bereit ist, ein bis zwei Millionen Araber für die "Endlösung" des israelischen Problems zu opfern, hätte ein solcher Atomkrieg Sinn und Zweck.

Ägypten und die arabischen Staaten haben keine Hoffnung, Israel mit konventionellen Waffen niederzuringen. Ein Atomkrieg könnte von ihrem Standpunkt aus das wirksame Mittel sein. Unser Vorteil in einer kriegerischen Auseinandersetzung mit den Arabern besteht im Vorteil des Intellekts und des Willens der Gemeinschaft wie des einzelnen: Selbstbeherrschung, hochgradige Fähigkeit zum "teamwork" und systematische Ausbildung. Hinzu tritt die kollektiv-nationale Moral. All dies sind Früchte einer generationenlangen Entwicklung. In einem nuklearen Blitz-Zusammenprall würden sich unsere Vorteile nicht auswirken. Da wir ein sehr kleines und dichtbevölkertes Land sind im Vergleich zum arabischen Raum, verliefe jede nukleare Auseinandersetzung zu unseren Ungunsten. Die Schaffung einer atomwaffenfreien Zone im arabisch-israelischen Raum wäre dabei eine sicherheitspolitische Errungenschaft von unüberschätzbarer Wichtigkeit und Schicksalhaftigkeit.

Unter den obwaltenden Umständen muß unsere Regierung alles tun, um die Denuklearisierung herbeizuführen. Wir sollten dieses grundsätzliche Ziel verkünden, die UN-Instanzen veranlassen, sich anzuschließen und eine wirksame Kontrolle über die Durchführung dieser Denuklearisierung verlangen, also der Verhinderung von Produktion und Ankauf nuklearer Waffen. Die Kontrolle kann vorläufig nicht bilateral israelisch-arabisch ausgeübt werden, weil keine Beziehungen zwischen diesen Staaten bestehen. Eine UN-Kontrolle, die durch die Atommächte ausgeübt wird, muß angestrebt werden. Eine solche Kontrolle kann in Kleinstaaten sehr wirksam sein, besonders weil kein Zweifel am Wunsch der Nuklearmächte besteht, eine atomare Expansion zu verhüten.

Der Atomreaktor im Negev ist dem Ausland kein Geheimnis mehr. Hunderte von israelischen Arbeitern und Dutzende von ausländischen Experten, die an seinem Bau mitwirken, bleiben nicht unbemerkt. Über unsere nuklear-militärischen Bemühungen wurde in fremden Zeitschriften, Büchern und Abhandlungen berichtet. Solange die verantwortlichen Stellen bei uns die nuklearen Vorbereitungen fortsetzen und sich weigern, eine politische Aktion für Denuklearisierung des arabisch israelischen Raumes zu starten, ist es die Pflicht der Denuklearisierungs-Befürworter, die Öffentlichkeit für ihre Haltung, die sie als einen Weg zur Verhütung eines nationalen Unheils betrachten, zu mobilisieren.