Wie schnell sich die Zeiten und Meinungenändern. Noch vor wenigen Wochen gehörte es fast zum guten Ton, die Zusammenarbeit der Tarifpartner in der Bauwirtschaft als „verfassungsstürzenden Vorgang“ und „Komplott auf Kosten der Gesamtwirtschaft“ zu attackieren. In der vergangenen Woche wurde ihr in der Frankfurter Paulskirche aus dem Munde des Bundespräsidenten und im Beisein anderer hoher Würdenträger öffentliche Reverenz erwiesen.

Der Festakt an historischer Stätte galt der Inthronisierung einer von der Industriegewerkschaft Bau, Steine, Erden verwalteten Stiftung zur Förderung der Berufsausbildung der Waisen tödlich verunglückter Bauarbeiter. Das Gründungskapital in Höhe von 15 Mill. DM wurde aus der Lohnausgleichskasse des Baugewerbes zur Verfügung gestellt, die aus Beiträgen der Unternehmer gespeist wird. In der Stiftungsurkunde wird ausdrücklich festgelegt, daß bei der Gewährung von Stipendien die Mitgliedschaft zur IG Bau berücksichtigt werden kann. Die Stiftung ist ein Bestandteil jenes um die vergangene Jahreswende ratifizierten Vertragswerkes (neben der Stiftung „Berufshilfe“ zusätzliche Alters- und Invalidenbeihilfen für Gewerkschaftsmitglieder; Ferienheime für Gewerkschaftsmitglieder), dessen erklärtes Ziel es ist, die Zugehörigkeit zu dieser Gewerkschaft attraktiv zu machen.

Es ist notwendig, nachdem die Festansprachen in der Frankfurter Paulskirche verklungen sind, an diese nüchterne Kehrseite der von Georg Leber geprägten Medaille zu erinnern, deren Vorderseite nun soviel Zustimmung gefunden hat. In der Tat passiert hier „etwas Neues“; aber dieses „Neue“, das in dem Lohnabkommen der Bauwirtschaft vor vier Wochen auch den auf diesen Gebiet Schwerhörigen wenigstens in einen Zipfel in ihrem positiven Gehalt greifbar wurde, war nur dadurch möglich, daß auch die für die Bauwirtschaft zuständigen Unternehmerverbände über die Schatten der Vergangenheit gesprungen sind.

Sie nahmen die ihr gegenüberstehende Gewerkschaft nicht als Gegner, sondern als Partner; sie honorierten die sachliche Lohnpolitik der IG Bau mit einer ebenso sachlichen und von Ressentiments freien Überprüfung der Gewerkschaftsfrage, wie sie sich ihnen konkret in diesem besonderen Fall darbot; sie zeigten Verständnis für die organisatorischen Sorgen ihres Kontrahenten, und ließen sich das sogar etwas kosten.

Wie alles in der Welt, so hatte also auch, wenn man das so sagen will, die neue Lohnpolitik der IG Bau ihren „Preis“. Und sie wird auch in anderen Wirtschaftszweigen nicht „umsonst“ zu haben sein; es müssen nicht unbedingt gleich bare Millionen sein.

Am Anfang stand in der Bauwirtschaft das ständige und intensive Gespräch; das Gespräch schuf Vertrauen, und aus dem Vertrauen entwickelten sich Formen der Kooperation, die unter anderen Bedingungen nichts anderes als ein Geschäft gewesen wären. Es war der entscheidende Fehler der Kritiker der gesellschaftspolitischen Konzeption Georg Lebers, das nicht begriffen zu haben. Wolfgang Krüger