Von Thomas Ross

Gegen die Unantastbarkeit der jahrzehntelang von den Kommunisten als heilig angesehenen Prinzipien zentraler Planwirtschaft erheben sich in Osteuropa allmählich und noch sehr vorsichtig Zweifel. Hand in Hand damit geht eine realistischere Einschätzung der Entwicklungs- und Wachstumsmöglichkeiten.

Die Tendenzen zum Umdenken in der Wirtschaftspolitik, die man jetzt in Osteuropa beobachten kann, sind älter als die sowjetische Diskussion um die Thesen des Professors Libermann wenngleich sie von dieser ermutigt wurden. In Polen regen sie sich seit 1956, in Ungarn seit ungefähr zwei Jahren.

Die Länder des Ostblocks haben nun das zweite Stadium der Industrialisierung erreicht, in dem nicht mehr der Aufbau von Fabriken im Vordergrund steht, sondern der technische Fortschritt, die Rationalisierung, die Ausweitung des Warensortiments und die Verbesserung der Qualität. Das Angebot an Arbeitskräften ist nicht mehr unerschöpflich. In den Reden und Zeitungsartikeln wird darum ständig Steigerung der Produktivität gefordert, Senkung der Kosten, Ersparnis an Material und Zeit sowie vor allem eine wirksamere Organisation der Verwaltung wie der Betriebe.

Ist man sich heute im Ostblock über die im wesentlichen überall gleichen oder verwandten Mängel zentraler Planwirtschaft im klaren, erkennt man also die Symptome, so herrschen doch über die Diagnose und die notwendige Therapie sehr verschiedene Ansichten.

Die polnische Wochenzeitschrift „Polityka“ fragte neulich, warum wohl so viele Konsumwaren in kommunistisch regierten Ländern schlecht entworfen seien; das gehe nicht nur auf Kosten der Qualität, sondern auch des Materialverbrauchs. „Bei uns profitiert niemand von der Erzeugung von Gasöfen“, erklärte „Polityka“, „und gerade das, was unsere Stärke ist, wird unsere Schwäche: Niemand macht einen Gewinn, und so interessiert sich auch niemand.“

Die kommunistische Wirtschaftstheorie bedarf einer gründlichen Überholung. Es fehle, konstatiert die polnische Fachzeitschrift „Zycie Gospodarcze“, an Theorien des Preises, der Arbeit und ihrer Bezahlung, der Unternehmensführung. Große Lücken gebe es in den Theorien des Güterumlaufes, der Selbstfinanzierung, der Wirksamkeit technischen Fortschrittes. „Unsere Nationalökonomen scheinen unfähig zu sein“, klagt sie ein andermal grimmig, „ein brauchbares System auszuarbeiten, das die Betriebe zum Sparen zwingt. Was zum Teufel ist mit den Nationalökonomen los? Sind sie alle tot, oder hat sie der Geist verlassen?“