Von Hans Mayer

Man erlebt im literarischen Bereich gegenwärtig eine Mode, die einige Ähnlichkeit mit den juristischen Wiederaufnahmeverfahren besitzt. Die Objekte dieser Verfahren sind meistens tot, die literarischen Akten über sie und ihr Werk waren geschlossen: in vielen Fällen mit Unrecht, wie sich im letzten Jahrzehnt herausstellte.

Es handelte sich oft um Autoren, die in jenen zwanziger Jahren geachtet und gelesen, dann aber verboten, verbrannt, schließlich vergessen worden waren. Nun publiziert man allenthalben Auswahlbände oder auch postume Gesamtausgaben: nicht bloß Musil und Broch und Roth oder Tucholsky, sondern auch Benjamin oder Borchardt, Toller und Hasenclever. –

In einigen Fällen, dem Walter Benjamins vor allem, wurde durch eine solche literarische Inventarisierung im Wiederaufnahmeverfahren zum erstenmal die wirkliche Dimension sichtbar. In anderen erweist die Gesamtedition dem Autor nicht unbedingt einen guten Dienst.

Und Friedrich Gundolf?

Auch hier wird ein Wiederaufnahmeverfahren angestrebt –

Friedrich Gundolf: „Dem lebendigen Geist“, aus Reden, Aufsätzen und Büchern ausgewählt von Dorothea Berger und Marga Frank, mit einem Vorwort von Erich Berger; siebenundzwanzigste Veröffentlichung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt; Verlag Lambert Schneider, Heidelberg/Darmstadt; 288 S., 20,– DM.