Die Rede von der „Unerschöpflichkeit“ eines Kunstwerkes ist zu einer Phrase der unkritischrespektvollen Heiligsprechung geworden, nichtssagend und abgegriffen wie kaum eine zweite Umschreibung. Auf den Kollagenzyklus „La femme 100 têtes“ von Max Ernst (mit einer Anweisung für den Leser von André Breton; Gerhardt Verlag, Berlin; 33,– DM) angewandt, weist sie erhellend dem Verständnis den Weg. Unerschöpflichkeit hat hier nichts ablenkend Metaphysisches und bezeichnet auch nicht eine Hilflosigkeit des Lesers, des Betrachters. Sie ist geplant, schiebt aber nicht das Kunstwerk in die unverbindlichen Zonen des Letztlich-nicht-Verstehbaren, nicht ganz Auszudeutenden ab, sondern verwandelt auf eine sehr diesseitige Art seinen Gegenstand in ein Mysterium, damit das Gemeinte verstanden werde. Sie soll den Schock evozieren und eine Hilflosigkeit, die über ein ergebnisloses Rätselraten und den gewöhnlichen Kitzel des mediokren Surrealismus hinausgeht. Max Ernst legt Leitlinien in die Phantastik, an denen es sich entlangtasten läßt: Einsichten liegen dann am Wege.

Max Ernst ist nicht der Erfinder der Kollage und auch nicht der einzige von dieser Technik faszinierte Zeitgenosse (Picasso hat Kollagen sogar ermalt), aber ihr Meister. Er arbeitet mit Bestandteilen verblichener Illustrationen, die vergessen sind wie die Bücher, denen sie entstammen. Detailfrohe Zeichnungen, um die Jahrhundertwende oder früher entstanden: Man kennt sie nicht mehr, und doch sind sie vertraut. Das macht ihr naiv dargestellter und wenig schrecklicher Gegenstand: gemütliche Räume, Sessel mit Schondeckchen, Stechpalmen, Spitz- und Rauschebärte, harmlos-nette Maschinen, eben beste Gartenlaube, Stuck und Prunk des bürgerlichen Interieurs. Strahlende Heroen aus einer zurechtgeschneiderten Vorzeit gibt es ebenso wie süßliche Knaben und Mädchen, die ein Antlitz, kein Gesicht, haben. Ihre weiche Nacktheit ist die prüde Lüge und gleichzeitig die verstohlene Lüsternheit des Ein de siècle. Max Ernst setzt all das neu zusammen, und aus den Menschen werden Ungeheuer oder Sklaven, die Maschinen zu Instrumenten des Terrors, Vögel, werden zu Überbringern grauenvoller Nachrichten und die sanften Mädchen zu Inkarnationen einer wütenden Vorstellung von Unterdrückung, Zwang und Machtrausch: Die Erotik schmuggelt den Schrecken. Gemütliche Priester werden zu kalten Sendboten des Totalitären. Landschaften werden auseinandergenommen, der Himmel aufgebrochen, daß man das Entsetzliche sehe. Unglaubliche Versatzstücke werden zu Vehikeln der Erkenntnis. Mit alledem nicht genug: Die Bildunterschriften (für die deutsche Ausgabe von Max Ernst selbst übertragen) erreichen ein Zusätzliches, eine weitere Verrückung. Sie sind ein Anschlag auf den Betrachter, eine unverhüllte Konsternierung, ein Bestandteil der Kollage, ihre Poesie ein visionärer Appell. Es gibt in diesem Buch keine imaginierte Phantastik, die Zusammensetzung des Bekannten genügt, das Geheimnis der scheinbar zufälligen Konstruktion läßt die Fassade brechen, wo sie eben hergestellt ist. Kein ausgedachtes Schreckbild kommt dem zutage liegenden gleich, und nichts mobilisiert die die Realität zersetzende Phantasie mehr, nichts weist so auf die Hinter- und Untergründe wie das Offenbare selber. Die Bezüge zwischen der Welt der hundertköpfigen Frau und des Mensch-Vogels Hornebom, der Ernstsehen Vegetation des Bekannt-Unheimlichen und unserer, bleiben herzustellen: „Ein Stück Grenzland ist da, zu sehr herabgesetztem Eintrittspreis, aber mit erhaltenen Bedeutungen, mit kuriös-utopischen, konserviert in brutaler Schau, in vulgärer Hintergründigkeit“, schreibt Ernst Bloch zu Ernsts Visionen. Und sein Hinweis ist wichtig: „Es ist eine Welt, die zuwenig auf ihre spezifischen Wunschgegenden untersucht worden ist.“

Die Mischung aus Spaß und Tiefe, aus Gemütlichem und Grauen ist nur vermittelnde Oberfläche, der tatsächliche Affront liegt anderswo begraben: Die Welt Ernsts als ganze ist als utopisch-beharrliches Contra zu unserer zu nehmen. Und diese Kontroverse will Ernst erkannt wissen. Der Betrachter wird freundlich-listig angeherrscht, eine intellektuelle Strapaze nicht zu scheuen, um über die Unverbindlichkeit des Angenehm-gegruselt-Werdens hinauszukommen. Nirgends dürfte der antibürgerliche Schock des Surrealistischen den Bürgern hinterhältiger zum Konsum angeboten sein als hier, wo mit den Bestandteilen der bürgerlichen Welt provoziert und eine entsetzliche beschworen wird. Und nirgends scheint es wahrscheinlicher, daß die Attacke ihr Ziel erreicht, als wieder hier. Denn das scheinbar Bekannte schlägt die notwendige Bresche für die verändernde Erkenntnis. Und dabei ist gerade wichtig, daß sich ein Gutteil des Buches zunächst oder auch ganz der eiligen Entschlüsselung entzieht. Das Noch-nicht-Verstandene stimmt nervös und wird zum Motor des Weiterdenkens.

Uwe Nettelbeck