Wenn sie es nicht vorher, wußten, am 19. März konnten die Stadtväter von Daun in ihrem Heimatblättchen, der Eifel-Zeitung eine barsche Anweisung lesen: Das Kleine Theater Bad Godesberg plane – horribile dictu – eine Aufführung von Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“; die Stadtväter sollten sich gefälligst auf ihre Bürgerpflichten besinnen und sich solcher Unterwanderung erwehren. Nun, sie taten’s, eilig und verschreckt, und schon am nächsten Morgen konnte man selbigen Ortes die Vollzugsmeldung lesen. Stadtväterlichgütig gab man unterdes dem Theater in Bad Godesberg zu bedenken: Die Dauner Bürger seien derart mit „Vergangenheitsbewältigung“ gequält worden, auch das Fernsehen habe neulich wieder etwas über das Dritte Reich ausgestrahlt, daß sie jetzt alle Bescheid wüßten, ein weiteres Interesse an dergleichen bestehe nicht.

Im Blättchen allerdings stand es ein wenig anders: „Nachdem schon ‚Das Dunkel‘ als Experiment über die Dauner Bühne rollte... gibt es keinen Grund, weshalb ausgerechnet ein dekorierter Volksheld besonders geeignet wäre, uns über ‚Furcht und Elend des Dritten Reiches‘ zu belehren ... Haben andere moderne Dramatiker keine besseren als jene an propagandistischer Zugkraft so reichen, aber an dichterischer Intensität so armen Gedanken des Mannes zu bieten, der mehr und mehr zum Künder kommunistischen Gedankengutes sich etabliert hat? Im April 1955 wurde erstmals in der Bundesrepublik ‚Der kaukasische Kreidekreis‘ in Frankfurt (Hessen!) aufgeführt. In den darauffolgenden Jahren machte besonders das Deutsche Fernsehen Brecht in der Bundesrepublik salonfähig. Das ging so weit, daß man im Spätherbst 1962 nicht davor zurückschreckte, ein Bühnenstück über die Bildschirme auszustrahlen, in dem mit Hilfe des Falles Galilei und eines der Renaissance-Päpste die Institution des Heiligen Stuhles auf die unglimpflichste Weise in den Schmutz gezogen wird. Die Bevölkerung unseres Heimatgebietes weiß, was es von den braunen Machthabern zu halten hat, aber auch, daß ein gefährlich hintergründiges Bühnenwerk ... nicht die in die Tausende von Mark ..“

Still und friedlich liegen die deutschen Wälder, Täler und Auen; aber was sich da zu einem neuen „gesunden Volksempfinden“ verquickt, sollte man besser nicht auf die leichte Schulter nehmen. U.N.