Es ist kein Zufall, daß eines der Kennzeichen autoritärer Staatswesen die Errichtung des staatlichen Schulmonopols und die Ausschaltung der Privatschulen ist. Die damit erreichte Uniformierung des Geisteslebens ist für sie Lebensbedürfnis und Existenzfrage. Dageg.en finden wir in allen demokratischen Staaten ein gewolltes Nebeneinander von Staatsschule und Privatschule. Mag auch das öffentliche Schulwesen zahlenmäßig stark überwiegen, die garantierte Existenz der mit weitgehenden Freiheitsrechten ausgestatteten und von den Eltern für ihre Kinder frei wählbaren Privatschule ist ein keineswegs nebenrangiges Kriterium dafür, daß die Kultur auf demokratischen Fundamenten ruht, öffentliche und private Schulen stehen hier in einem gesunden Spannungsverhältnis, das vertrauensvolle Partnerschaft nicht ausschließt.

Man muß sich zunächst darüber klar sein, daß der große Organismus des öffentlichen Schulwesens, dessen Gestaltung den einzelnen, für die Kulturbelange ihres Landes hoheitlich selbständigen Kultusverwaltungen obliegt, auf ein Mindestmaß an einheitlicher Organisation im Gesamtbereich der Bundesrepublik angewiesen ist. Man wird ebenfalls erkennen müssen, daß die Schulen für ihre segensreiche Arbeit der Ruhe und Stetigkeit bedürfen. Ruhe und Stetigkeit dürfen aber nicht zur Erstarrung entarten; es muß ein Experimentierfeld bereitstehen, wo neue Ideen auf zunächst engem Raum einer sorgfältigen Erprobung unterzogen werden. Die Erfahrung hat gelehrt, daß pädagogische Experimente besser auf privatem Boden gedeihen als in staatlichen Schulversuchen. Die Privatschule darf für sich in Anspruch nehmen, für das Erspüren neuer fruchtbarer Gedanken im Erziehungswesen, ihre Entwicklung zur Reife und ihre Erprobung im Schulalltag echte Pionierarbeit geleistet zu haben. Als Beispiel hierfür sei an die Entwicklung des Mädchenschulwesens erinnert. Es war die Privatschule, die sich im Zuge der Frauenbewegung des wachsenden Bildungsbedürfnisses der Mädchen annahm, dem sich der Staat so lange verschlossen hatte. Sie entwickelte Bildungspläne und Schulformen, die später für das öffentliche Schulwesen dieses Sektors übernommen und weiter ausgebaut werden konnten. Gedacht sei auch des freien Erziehers Hermann Lietz, der mit der Errichtung des ersten Landerziehungsheims um die Jahrhundertwende den zündenden Impuls für die Gründung weiterer Schulen ähnlicher Art gab und dessen Gedanken, heute so aktuell wie damals, in den Internatsschulen nachwirken.

Wenn also die Privatschule sich auch weiterhin mit ihren besten Schulen dem Gesamtschulwesen als Experimentierfeld – oder um ein Anclogon aus der technischen Welt zu gebrauchen – als Entwicklungsabteilung zur Verfügung stellt, so geschieht dies im Bewußtsein ihrer geschichtlichen Leistung und der Einsicht, daß ebenso wie ein Industrieunternehmen, so auch unser Gesamtschulwesen nur mit einer leistungsfähigen Entwicklungsabteilung vertrauensvoll in die Zukunft blicken kann. Wo aber kann solche Arbeit besser gedeihen als dort, wo ohne Störung des Gesamtorganismus, auf engem, übersehbarem Raum und ohne verpflichtende Bindung an Normen, die für den Gesamtorganismus unentbehrlich sind, von einem der selbstgewählten Aufgabe verschriebenen Lehrkörper pädagogisches Neuland bestellt werden kann?

Der Kreis der privaten Schulen in der Bundesrepublik umfaßt jede Schulsparte; von der Grundschule bis zur weiterführenden allgemeinbildenden Schule mit dem Abschluß der sogenannten Mittleren Reife oder des Abiturs; von der auf bestimmte Berufe vorbereitenden Berufsfachschule bis zur mittleren oder höheren Fachschule mit einfachen und gehobenen Berufsabschlüssen. Manche dieser Schulen sind auch im öffentlichen Schulwesen vertreten. Die ihnen entsprechenden Privatschulen haben dann den Status einer „Ersatzschule“. Sie sind teils in ihrem Lehrziel und mit ihrem Lehrplan mit der entsprechenden öffentlichen Schule voll identisch, teils weichen sie hierin in zulässigem Umfang ab, teils schließlich erhalten sie ihr kennzeichnendes Gepräge dadurch, daß sie auf besonderer religiöser oder weltanschaulicher Grundlage arbeiten. Immer aber müssen sie den entsprechenden öffentlichen Schulen in ihrer Leistung gleichwertig sein, ihr erfolgreicher Besuch ist deshalb auch mit den gleichen Berechtigungen verbunden.

Zu diesen Ersatzschulen gehören praktisch alle allgemeinbildenden Privatschulen. Größtenteils sind sie mit Internaten verbunden, und hierin liegt oft der Hauptgrund; weswegen sie besucht werden. Internatsschulen entfalten naturgemäß eine wesentlich intensivere erzieherische Prägekraft als die üblichen Schulen, denen in ihrem erzieherischen Einfluß naturgemäß Grenzen gesetzt sind, öffentliche Schulen können ihre Schüler – abgesehen von gelegentlichen besonderen Veranstaltungen – nur im Unterricht zusammenfassen. Anders die Internatsschulen: Fern der reizüberfluteten Großstadt vollzieht sich hier der gesamte Tageslauf einschließlich der Freizeit nach einem wohldurchdachten pädagogischen Plan, in dem körperliche Ertüchtigung und musische Erziehung den ihnen gebührenden Platz einnehmen. Ein schlichter, jugendgemäßer Lebensstil, Einordnung in die Gemeinschaft und selbstverantwortliches Handeln werden erlebt. Vor allem aber ist es der Konsequenz der von erfahrenen Pädagogen gestalteten Internatserziehung zu danken, die an die Stelle der im Elternhaus aus den verschiedensten Gründen oft fehlenden Erziehungsstetigkeit tritt, daß in vielen, oft als wenig hoffnungsvoll angesehenen Fällen die Kinder nach ihrem Eintritt in die Internatsschule eine überraschend vorteilhafte charakterliche Entwicklung zeigen, die sich auch in den Leistungen niederschlägt.

Außer den allgemeinbildenden Schulen gehören zu den privaten Ersatzschulen auch eine Reihe berufsbildender Schulen. Von ihnen seien hier die Zweijährige Handelsschule und die Höhere Handelsschule genannt. Für den Besuch der Zweijährigen Handelsschule genügt ein befriedigender Volksschulabschluß und das Bestehen einer Aufnahmeprüfung. in der insbesondere im Deutschen und im Rechnen tragfähige Leistungen nachzuweisen sind. Der Lehrgang wird mit der Handelsschul-Abschlußprüfung beendet, die bei erfolgreichem Verlauf mit den Berechtigungen der Mittleren Reife verbunden ist. Die Höhere Handelsschule, in den meisten Ländern von einjähriger Dauer, setzt für den Eintritt die Mittlere Reife voraus. Den Absolventen und – zahlenmäßig überwiegend – Absolventinnen dieser Schule eröffnen sich in kaufmännischen und Verwaltungsbetrieben besonders günstige Aufstiegschancen.

Herbert Käselau