Wenn man in Israel an Deutschland denkt, dann denkt man an das Deutschland von 1933 bis 1945. Wenn wir Deutschland sagen oder denken, dann meinen wir die Bundesrepublik nach 1945. Die Bilder decken sich also nicht. Für die einen bedeutet der Begriff Deutschland die Schrecken der Vernichtungsjahre, für die anderen das Bemühen, eine vernünftige Gesellschaft in einem normalen Staat aufzubauen und wenigstens materiell dort ein wenig wiedergutzumachen, wo zuvor gesündigt worden ist.

Mit anderen Worten: Es ist schwer, sich miteinander zu verständigen, und es ist fast unvermeidlich, daß jedes in der Erregung gesprochene Wort den anderen hart und vielleicht auch an der falschen Stelle trifft.

Der israelische Arbeitsminister Allan sagte dieser Tage: „Die Überlebenden der deutschen Todeslager werden nicht mit verschränkten Armen zusehen, wie deutsche Neo-Nazis im Dienste des Diktators von Kairo die Vernichtung Israels vorbereiten.“ Und der Außenminister Frau Golda Meir erklärte im Parlament: „Die deutsche Regierung kann nicht zusehen, wie 18 Jahre nach dem Sturz des Hitler-Regimes, das die Vernichtung von Millionen Juden herbeiführte, wieder Angehörige dieses Volkes mitverantwortlich sind für Aktionen, die darauf abzielen, diesmal den Staat Israel, in dem die Überlebenden Zuflucht fanden, zu zerstören.“

Alle offiziellen Äußerungen in Israel aber unterstellen, Bonn könne, und sie verlangen, Bonn müsse die deutschen Raketentechniker, die in Ägypten arbeiten, kurzerhand zurückbeordern. Die Antwort der Bundesregierung: „Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, daß deutsche Wissenschaftler an der Herstellung von ABC-Waffen beteiligt sind.“ Und: Die Bundesregierung hat keine Möglichkeit, ihren Bürgern vorzuschreiben, wo sie arbeiten sollen und wo nicht, weil das mit dem Grundgesetz unvereinbar ist.

Die Tel Aviver Zeitung Jedioth Aharomoth schrieb dazu: „Wie kann man die Adenauersche Erklärung akzeptieren, derzufolge man sich nicht in die individuellen Aktionen der Bürger einmischt? Wirklich nicht, einmischt? In einer Zeit, da sogar die Entsendung von Sängern eine politische Aktion ist, da sollte die Unterstützung für neue Judenpogrome ‚ganz natürlich‘ sein?“ Zu Beginn dieses Leitartikels aus der Feder des Chefredakteurs Dr. Herzl Rosenbaum heißt es: „Wenn es Bonns Weg ist, uns gegenüber ein verstecktes Lächeln auszustrahlen, während klar und unverhüllt antiisraelische Vernichtungsspezialisten in die VAR kommen, dann...“

Hier wird also mit Taschenspieler-Kunstfertigkeit vor den Augen der Leser eine perfide Unterstellung in eine feststehende Tatsache umgemünzt: Die Bundesrepublik protegiere, so lautet die Behauptung, die Vorbereitung neuer Pogrome. Die Zeitung greift gleichzeitig scharf das israelische Außenministerium an, weil dies sich ständig bemühe, einen Ausgleich mit den Deutschen herbeizuführen. Man kann sich nach der Lektüre jenes Pamphlets vorstellen, wie schwer es der israelische Außenminister mit den Radikalen im Lande hat.

Unter normalen Umständen könnte, müßte man zu diesen Anschuldigungen allerlei sagen. Aber schon die Vorstellung von normalen Umständen ist in diesem Falle abwegig. Handelt es sich doch wirklich um die Überlebenden eines durch die halbe Welt gejagten, systematisch dezimierten Volkes, das in Israel endlich Zuflucht gefunden hat. Noch zitternd von den Schrecken des Überstandenen, sahen sie sich dort sofort wieder von neuem durch erzürnte Nachbarn bedroht. Seither leben sie wie in einer belagerten Festung im Feindesland.