Th. K., Washington, im März

Am Dienstag ist in Washington eine neue Runde von Erkundungsgesprächen über Berlin eingeleitet worden. Die Anregung dazu kam aus Moskau, und die US-Regierung folgte ihr bereitwillig, wenn auch ohne Erwartungen. Sowohl Außenminister Rusk wie Sowjetbotschafter Dobrynin gelten als ruhige und kluge Diplomaten. Hinter ihnen liegt schon ein weiter Weg ergebnisloser Berlin-Verhandlungen. Für die Amerikaner steht es fest, daß der Status quo in Berlin keine wesentlichen Änderungen verträgt. Sie glauben, daß sich auch die russische Seite im Grunde damit abgefunden hat. Das Chruschtschow-Ultimatum vom November 1958 liegt praktisch nicht mehr auf dem Tisch. Bedeutet das aber, daß damit auch die Berlin-Krise beendet ist?

Die Washingtoner Antwort lautet zur Zeit „Ja“ – mit zwei Einschränkungen. Erstens: das Berlin-Problem als Teil der Deutschland-Frage bleibt ungelöst, solange Deutschland geteilt ist. Zweitens: es kann jederzeit zu einer neuen Berlin-Krise kommen, wenn Chruschtschow es will, oder wenn er sich gezwungen sieht, an der geteilten Stadt seine sowjetische Politik der Stärke zu demonstrieren.

Präsident Kennedy wird auf seiner Europareise im Juni auch Berlin besuchen; das amerikanische Außenministerium hat seine Bedenken aufgegeben. Der Besuch, so heißt es jetzt, könne nicht als Provokation mißverstanden werden, da auch der sowjetische Regierungschef Berlin häufig besucht habe. Der Präsident rechnet mit einem triumphalen Empfang in der alten deutschen Hauptstadt. Ihn kann er auch innenpolitisch als Bestätigung seiner Haltung und seiner Person gut gebrauchen – als Bestätigung einer Politik, die Festigkeit mit Vorsicht verbindet.