Die ganze Welt im Bücherschrank – alle Bände im gleichen Format, sehr ähnliche graphische Ausstattung, gleich im Aufbau, einzeln (12,80 Mark) oder im Abonnement (9,80) zu erwerben – die Idee ist nicht neu. Ungewöhnlich und auf Anhieb faszinierend ist, wie „Das Buch der Reisen“ – hier der Band „Holland“ von Jaques de Sugny – aufgebaut ist. Hauptteil des Buches ist eine Reportage, die alle üblichen Wege der Reisebeschreibung verläßt. Sie ist temperamentvoll geschrieben. Es folgen zahlreiche, durchweg sehr gute Bilder. Der dritte Teil enthält dokumentarische Angaben für den Touristen über Land, Leute, Staat, Wirtschaft, Kunst, Bräuche. Überschrieben ist dieser Teil „Zum Stand der Frage“, und damit fängt dieSkepsis des Lesers an: Was soll das heißen? Und dann finden sich Zeichen der übereilten Herstellung zuhauf. Zuerst beim Übersetzer, der oft wörtlich (und falsch) überträgt, undeutbare Sätze verfaßt und zuweilen schlimmes Deutsch schreibt. Ein Beispiel: „Ein Kanal kreuzt einen Fluß, worüber eine Brücke führt. Die Ankunft eines großen Schiffes veranlaßt das. Schließen der Schranke und das Hochziehen der Brücke. Die Eisenbahn führt hier nicht zu Verkehrsstockungen. Doch sitzt das radelnde Holland mühelos ab.“ Wertpapiere werden zu Wertschriften, das Brustwerk einer Orgel heißt hier Büfett. Der Autor selber hat es sich auch ziemlich leicht gemacht: Er hat – im letzten Teil des Buches – einfach ein Konversationslexikon exzerpiert, und falsch dazu. Stichprobe: Die Nationalhymne hat nicht Varenius, sondern Valerius von Veere komponiert, nicht 1628, sondern 1626. Die offizielle Hymne von 1815 wurde nicht von Tollens und Smits komponiert: den Text schrieb Tollens, die Musik Wilms. Und endlich: Der graphische Schmuck mit alten Zeichnungen hydraulischer Apparate ist einigermaßen sinnlos in den Text gestreut. (Editions Recontre, Basilius Presse, Basel-Stuttgart).

In diese Reihe gehört auch Dominique Desantis „Elfenbeinküste“. Frau Desanti ist eine französische Journalistin, die das Land zwischen Ghana und Liberia zum Ziel einer großen Reise machte. Im Vorwort gesteht sie, weder Volkswirtin noch Ethnologin zu sein, also keinen ausgewogenen wissenschaftlichen Bericht liefern zu können. Sie will nur Menschen zeigen und zu Worte kommen lassen, die ihre „Füße in der jüngeren Steinzeit und den Kopf in der thermonuklearen Epoche“ haben. Vorurteilslos reiste sie durch Städte, Dörfer, durch den Busch, besuchte viele der zweiundsechzig Stämme, sprach mit Häuptlingen, Medizinmännern und mit arrivierten, europäisierten Afrikanern. Sie verarbeitete ihre Beobachtungen zu einem Bericht, der von der Reihe traditioneller Reisebeschreibungen angenehm absticht. Es wurde nicht nur ein sehr lesbarer, kluger Reisebericht, sondern ein Handbuch, das über den jungen afrikanischen Staat den interessierten Leser ausreichend informiert. Ein dokumentarischer Anhang, der Zahlen und Daten – über ein lexikalisches Maß hinaus – enthält, macht das Buch zu einem wirklichen Nachschlagewerk.

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Leicht in die Tasche zu stecken, übersichtlich gegliedert, sachkundig geschrieben und mit Zeichnungen ergänzt, äußerst preiswert – für je 3,20 Mark erwirbt man sehr viel Wien und Tunesien für die Reise. Die beiden 64 Seiten starken Bändchen erschienen im Polyglott-Verlag, Köln-Marienburg. Was man erwarten darf, deuten ein paar Kapitelüberschriften an: Wien und die Musik; Einiges über die Wiener; Eine halbe Stunde Geschichte; Wieviel kostet die Fahrt; Unterkunft in Wien; Restaurants und Kaffeehäuser; Die Speisekarte, bitte ... Die Broschüren stecken voller praktischer Hinweise und Anregungen.

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Warum reist Ihr eigentlich? fragte der Bertelsmann-Verlag in Gütersloh in einem Preisausschreiben junge Leute. Aus 250 Arbeiten, Aufsätzen, Berichten und Tagebuchnotizen wählte der Verlag 28 aus, die nun recht und schlecht eine Antwort geben. Sie reisten, um fremde Völker, andere Länder, neue Städte kennenzulernen; sie versuchten zu beobachten und zu sehen. Aber man spürt, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, es fällt ihnen schwer. Sie vermögen nicht zu beobachten, das naive ursprüngliche Schauen ist bei ihnen verkümmert, ihre Erlebnisse bleiben im Herkömmlichen und Schablonenhaften stecken. Die jungen Menschen, die ihre Beobachtungen notieren, sind – keiner verargt es ihnen – keine geübten Schreiber. Aber, so fragt man sich, warum nur hat der Verlag diese Berichte in Buchform gebracht, wenn sie weder literarisch wertvoll sind noch kluge Beobachtungen enthalten? („Wir sahen Europa“, 11,80 DM) HvK/m. s.