Hannover

Jugendliche, die Straftaten begangen haben, erklären ihren Richtern häufig, sie seien durch Filme, Bücher oder Groschenhefte angeregt worden. Natürlich versuchen manche dadurch den Blick des Richters auf unpersönliche Mitschuldige zu • richten, von denen sie sehr genau wissen, daß sie verhaßt sind. Oft aber ist ihr Hinweis auf jene literarischen Vorbilder keine Ausrede, und die Spannung zwischen dem wirklichen Leben des Jugendlichen und der Pseudoweit, in der Helden mit Messern stechen, Pistolen abfeuern und Frauen erobern, prägt tatsächlich ihr Leben und ihre Taten.

Ein solcher Fall trug sich jüngst in der Nähe von Hannover zu. Ein siebzehnjähriger Schlosserlehrling nahm sich das Leben. Er trank ein giftiges Pflanzenschutzmittel und sprach auf ein Tonband, was ihn in den fünfunddreißig Minuten vom ersten Schluck Gift bis zum Tod bewegte.

Daß ein Junge, der gern bastelte, Radiogeräte umbaute und Tonbänder besprach, eher einen Abschiedsbrief spricht als schreibt, ist nicht verwunderlich. Über die erschütternde Begebenheit selbst wäre wenig zu sagen, hätte dieser Junge mit dem Tonband nicht ein Dokument hinterlassen, das Erzieher, Richter – die Erwachsenen überhaupt nachdenklich machen sollte. In diesem Falle kann die Grenzüberschreitung zur Kino- und Groschenheft-Pseudowelt nicht vorgespiegelt sein, hier geht die Identifizierung soweit, daß der eigene Tod mit den Floskeln benannt und wahrgeträumt wird, die den tausendmal gesehenen Kintop-Tod begleiteten.

„Hier soll alles stehenbleiben oder liegenbleiben, bis ich tot bin, bis ich ganz tot bin, bis jede Hilfe für mich zu spät ist, nur bis ich Gewißheit habe, gleich in die ewigen Jagdgründe einzugehen“, heißt es auf dem Band.

Der Junge, zum Umherbummeln neigend, von seinen Eltern für schwer erziehbar gehalten, fühlte sich von ihnen nicht verstanden und belastete seinen Vater in der Bandaufnahme ausdrücklich mit der Schuld an seinem Tode. „Ich glaube kaum, daß ihr es irgendwie gut mit mir gemeint habt. Vielleicht habt ihr es gut mit mir gemeint, aber es ist jetzt zu spät für alles. Es hat gar keinen Zweck mehr, daß wir uns weiter darüber unterhalten. Das Gift ist jetzt am Wirken. Wenn es nicht wirkt, na gut, dann trinke ich noch einen Schluck. Ich habe die Nase jetzt voll, voll von allem, was die Familie betrifft. Ich habe es satt, weiterzuleben unter diesen Bedingungen, die mir geboten werden.“

Der Junge hatte versucht, sich an andere Erwachsene anzulehnen. Er war befreundet gewesen mit einem Gastwirtsehepaar und dessen ihm annähernd gleichaltrigen Kindern. Er liebte die Tochter Gitta, fühlte sich als Bruder ihres Bruders, nannte die Mutter der beiden „Mammi“ und ihren Vater Fritz. Am Vorabend des Selbstmords, der in den frühen Morgenstunden eines Montags geschah, hatte der Junge dem väterlichen Freund Fritz eine Gaspistole mit durchbohrtem Lauf und vier Schuß Munition gezeigt und ihm erklärt, er werde sich noch Li derselben Nacht erschießen. Fritz hatte ihm die Waffe weggenommen.