Für mich als Gewerkschaftler war die brennendste Frage: Welche Rolle spielt der FDGB in diesem Staate? Ist er wirklich der verlängerte Arm der SED?

Ich konnte feststellen: sämtliche Funktionäre trugen das Parteiabzeichen; die Aufgaben des FDGB decken sich eindeutig mit den Zielen der SED... Indem sich der FDGB mit der SED gleichsetzt, wird er notwendig zur Staatsgewerkschaft. Da indes der Staat als Monopolunternehmer auftritt, muß ebenso logisch die Staatsgewerkschaft ein Machtmittel zugunsten der Staatsmonopole sein. Der FDGB erschöpft sich vornehmlich darin, die Planvorstellungen des Staates zu verwirklichen; der FDGB kämpft nicht als Berufsvertretung für möglichst günstige Arbeits- und Lohnbedingungen, sondern er plant die Arbeitskraft seiner Mitglieder in die vom Staat – sprich Unternehmer – geforderten Produktionspläne ein. Mit Zustimmung des FDGB wird der Lohnanteil der Arbeitnehmer von einem jährlich vorauszuplanenden Produktionsergebnis abhängig gemacht. Dieser Lohnanteil jedoch ist, unabhängig von der Arbeitsleistung, einem enormen Betriebsrisiko ausgesetzt, weil die Prämienfestsetzung zum Grundlohn von der Planung abhängig ist.

Die Lasten einer unerfüllbaren Planung tragen also die Arbeitnehmer, gleichgültig wie tüchtig und fleißig diese sind.

Ich habe mehrere ältere Arbeiter eingehend befragt, was sich für sie geändert habe, nach der Weimarer Zeit, nach Hitler und jetzt im sozialistischen Staat. Es wurden mir mehr oder weniger bedeutungslose Änderungen genannt, zweifellos Fortschritte, aber keine, die sich eindeutig vom sozialen Status eines kapitalistischen Arbeiters unterscheiden.

In einem Betrieb war der Direktor sehr stolz darauf, im letzten Jahr eine Viertelmillion erwirtschaftet und diese Summe seinem Staate zugeführt zu haben. Wenn bei uns ein Unternehmer eine viertel Million Gewinn macht, wird dies als schändliche Ausbeutung des Arbeiters bewertet. Aber der Anteil der Arbeiter in der DDR am sogenannten Mehrwert ihrer Arbeit ist keineswegs größer als bei uns. Im Gegenteil: Sie dürfen sogar das Prämienrisiko tragen, wenn Pläne unerfüllbar sind.

Aber der FDGB ruft uns auf, Lohnforderungen durchzusetzen. Ein Funktionär, mit dem ich die Lohnfragen durchsprach, sagte: es gibt doch eine Grenze, die durch die Rentabilität bestimmt wird. Eben! Und obwohl es auch bei uns eine solche Grenze gibt, sollen wir diese sprengen. Warum eigentlich wohl?

Ich stelle fest: für den einfachen Proletarier hat sich trotz einer totalen sozialistischer. Revolution nichts geändert, obwohl diese Revolution letztlich für ihn entfacht wurde Angeblich üben die Proletarier nunmehr die Macht im Staate aus, ich aber habe nur eine Verlagerung der Macht entdecken können, die dem Arbeiter nichts genützt hat.