In Köln wird jetzt eine Wanderausstellung „Schätze aus Thailand“ gezeigt, die im April nach Offenbach und München weitergeht, und nicht zum ersten Male wird man vor dieser am ehesten noch an Indien erinnernden Kunst gewahr, wie fremd uns dieser Winkel des Fernen Ostens geblieben ist, selbst als er noch Siam hieß. Auch als Thailand, einer der Vertragsstaaten der SEATO, hat er für uns nur gelegentlich eine leicht beunruhigende Aktualität erlangt, die sich selten zur Neugier auf die Kultur eines Volkes von immerhin mehr als zwanzig Millionen Menschen steigerte.

Unserem trotz aller Spitzfindigkeit und Rührigkeit festfahrenden oder sich im Kreise drehenden Kulturbetrieb kann jede neue Bekanntschaft mit bisher unerschlossenem alten Bestand nur von Nutzen sein, und es ist eine willkommene Ergänzung unserer spärlichen Kenntnis, daß jetzt auch eine andere Merkwürdigkeit aus Thailand, zum erstenmal in eine europäische Sprache übertragen, vorliegt:

Dieses „Lob des Gottes und Königs Rama“ aus vorbuddhistischer Zeit wurde erst vor etwa zweihundert Jahren vollständig aufgezeichnet, sonst aber wurde es auf Leder gezeichnet, in Stücken bis zu zwei Meter ausgeschnitten und diente zu Schattenspielen, von eintöniger Musik begleitet. Der Herausgeber meint, das „Ramakien“ entspreche dem Nibelungenlied und der Odyssee in einem, aber es ist schwer – und überflüssig – eine andere Verwandtschaft als die ins Vorzeitliche verschwimmende Gemeinsamkeit aller Volkssagen wiederzuerkennen. Unserem Bildungsfonds ist überdies mit neuen, unbekannten Gestalten mehr gedient als mit einer exotischen Spielart des Hagen oder des Telemachos.

Es sind keine nordischen Recken und keine Vorläufer eines klassischen Humanismus, die diese Sagenwelt fratzenhaft und grimmig bevölkern – vielmehr, was Goethe in einer gar nicht zahmen Xenie, einseitig ablehnend, „die leidigen Elefantenrüssel, das umgeschlungene Schlangen-Genüssel, viel Königskopf auf einem Rumpf“ genannt hat. Aber Goethes Kulturbild war im Grunde von dem gipsernen Juno-Kopf im Hause auf dem Frauenplan überragt, und wir Nachgeborenen fühlen uns längst unter Ungeheuern weit heimischer.

Unvertraut genug ist uns auch das altmexikanische Schrifttum geblieben, trotz reichem Briefmaterial und Denkwürdigkeiten aus der Zeit des Cortez und der Missionare; trotz den Forschungen von Eduard Seier und anderen; ja auch trotz der literarischen Gestaltung im Drama (Gerhart Hauptmann) und im Roman (Eduard Studien, Leo Perutz). Voriges Jahr hat der Verlag Kiepenheuer & Witsch aztekische Texte herausgebracht, und die eigenen Zeugnisse eines in seiner Blüte über Nacht dem Untergang geweiht ten Volkes über sein Ende liegen vor in:

„Rückkehr der Götter“ – Die Aufzeichnungen der Azteken über den Untergang ihres Reiches, aus der Nahua-Sprache übersetzt, herausgegeben von Miguel León-Portilla, deutsch von Renate Heuer; Friedrich Middelhauve Verlag, Köln; 152 S., 4 Bilder (Kodex von Tlaxcala), 14,80 DM.

Der in der Weltgeschichte, weiß der Himmel, nicht einzig dastehende Untergang eines Reiches und einer Kultur hat hier etwas Einmaliges, veil die Ausrottung das Werk weniger Monate war und die Opfer in der Meute des Cortez die verheißenen Erlöser, die „Weißen Götter“, zu sehen meinten. Kein Theaterstück, keine Erzählung überbietet an dramatischer Wirkung diese einfachen und doch auf einen zwingenden epischen Ton gestimmten Aufzeichnungen aus der Siadt Tenochtitlan mit ihren Kanälen und schwimmenden Gärten, mit ihren raffinierten technischen Errungenschaften und – schauerliche Gleichzeitigkeit! – den Menschenopfern als Landesbrauch.