BADEN-BADEN (Theater der Stadt):

„Les Caprices de Marianne“ von Alfred de Musset

Eine Sternstunde des Theaters, schwarze Komödie – eine Entdeckung, sprühende Poesie, ein Kolleg für junge Regisseure: diese Kritikerurteile nach der deutschen Erstaufführung Anfang März verpflichteten geradezu, die Fahrt zur jüngsten Dürrenmatt-Premiere nach Zürich in Baden-Baden zu unterbrechen. Ein in Deutschland als Dramatiker fast unbekannter französischer Romantiker (1810–1857), der auf dem Theater seiner Heimat als Klassiker gilt, bietet mit diesem Stück ein Gegenbild zu Georg Büchners „Leonce und Lena“, wobei Büchner der von de Musset Nehmende war. Eine romantische Novelle ist die Handlung: Celio, „Hamlet auf Freiersfüßen wird von Marianne nicht erhört, sie würde sich jedoch Celios Parlamentär Octavio schenken. Dieser gibt, dem Freunde treu, Mariannes Liebespfand an Celio, der beim Rendezvous von gedungenen Mördern des alten Richters, Mariannes Ehekrüppel, erdolcht wird. Szene: neapolitanischer Karneval. Jean-Pierre Ponnelle übersetzte, bearbeitete und inszenierte das Stück in eigenen Bühnenbildern. Ihre einheitliche Sepia-Tönung illustrierte geschmackvoll romantisches Italien und distanzierte zugleich das Geschehen. Auch an der Regie bestach die Kunst der Tönung – Theaterpoesie, welche Romantik zwischen Sprechfeuerwerk und Pantomime „vorzeigte“, ohne ihre Gefühle ernst zu nehmen. Am nächsten dem Geist des Stücks war Hans Werner Henzes Bühnenmusik: italienischer Karneval, in dem der Mord als antikes Schicksal umgeht. Dazu Serenadenstimmung. Eine frappierende Ensembleleistung im Rahmen des Baden-Badener Theaters.

DARMSTADT (Landestheater):

„Esther von Carpentras“ von Darius Milhaud

In Darmstadt gab es eine Entdeckung: eine stofflich heute heikle Buffo-Oper, die 35 Jahre nach ihrer Entstehung hier zum erstenmal deutsch gegeben wurde. Nach einem Libretto seines Aixer Jugendfreundes Armand Lunel komponierte Milhaud, selber Jude aus der Provence, jüdische Folklore, wie sie sich in der südfranzösischen Stadt Carpentras, einer politischen Exklave des Heiligen Stuhls, bis zur französischen Revolution erhalten konnte. Als ein neuer Kardinal-Bischof aus Rom eingetroffen ist, bekommen die Juden zwar die Erlaubnis, an ihrem Purim-Fest als eine Art Karnevalskomödie, wie in jedem Jahr, das Spiel von Esther und Ahasveros aufzuführen. Doch, von seinem Sekretär aufgestachelt, bedroht der Kardinal plötzlich, ins Laienspiel einbezogen, die Juden mit einer erschreckenden Alternative: Massenbekehrung oder Vertreibung. Der schönen Darstellerin der Esther gelingt es aber, den noch jugendlichen Bischof zu rühren und – Ernst im Spiel – für die Juden von Carpentras die Glaubensfreiheit zu retten. Der knapp zweistündigen Oper haben die Autoren einen „leicht ironisierenden Zug gegeben“. Die Musik ist (laut FAZ) „voll eleganter Erfindung, knapper, melodischer Eingebung ... von dramatisch-komischer Charakteristik der Person“. Jedoch stellt K. H. Ruppel (Süddeutsche Zeitung) „mit zunehmender Dramatik der szenischen Situation... Eintrübung der musikalischen Sprache“ fest. Jac