Kl., London, Ende März

Zu den „Kräften, die unser Leben formen“ (nicht nur in Großbritannien), gehört der Sozialplan des kürzlich verstorbenen Lord William H. Beveridge. Mit dem Konzept einer allgemeinen Sozialfürsorge von der Wiegebis zum Grabe hat er, man muß das Klischee gebrauchen, den Grundriß für den Wohlfahrtsstaat geschaffen. Er hat als unbeugsamer, in viktorianischer Zeit aufgewachsener Liberaler den Grundstein des modernen britischen Sozialismus gelegt und der Labour-Party, weil sie sich „seinen“ Plan zueigen machte, jedenfalls maßgebend zum Wahlsieg von 1945 verholfen. Diese politische Folge hat er weder gewünscht noch vorausgesehen; als pragmatischer Sozialpolitiker, der seine reichen theoretischen Kenntnisse durch Wohnsitz und Arbeit im Elendsviertel der Londoner Docklands ergänzte, war er noch vor Galbraith zur Überzeugung gelangt, daß solche Armut ein „unnötiger Skandal“ sei. Das hat ihn als jungen Staatsbeamten zur Gründung der ersten englischen Arbeitsämter im Jahr 1911 und den Ansätzen einer Arbeitslosenunterstützung geführt. In dieser Institution konnte er dann ein Vierteljahrhundert später sein administratives Geschick beweisen, als er den in der Depression der dreißiger Jahre von Insolvenz bedrohten Arbeitslosenfonds sanierte und ihn darüber hinaus zu einem wichtigen Instrument des Konjunkturausgleichs machte. In der Zwischenzeit, nämlich von 1919 bis 1937, war Beveridge Direktor der expansiven London School of Economics, deren sozialökonomische Linie er mitbestimmte und deren administrative Geschicke ganz in seinen Händen lagen.

Beveridge war als bewährter, scharfsinniger Verwaltungsfachmann und nicht als Sozialreformer mitten in der für die Alliierten dunkelsten Kriegsperiode an die Spitze eines Komitees gestellt worden, das eine Studie über die Nachkriegsbedürfnisse an sozialer Sicherheit vorlegen sollte – eine von seinen Auftraggebern vielleicht nicht sehr ernst genommene oder nur propagandistisch gemeinte Fleißaufgabe. Beveridge selbst argwöhnte das, „denn ich hatte kurz vorher, mit einer Untersuchung über die ‚Mißwirtschaft mit Menschen‘ in den Streitkräften Furore gemacht und die Minister wollten dem unbequemen Mann eine unbedeutende Aufgabe zuweisen“.

Die unbedeutende Arbeit wurde der Beveridge-Plan, an dessen Veröffentlichung am 1. Dezember 1942 sich Zeitgenossen als einen der begeisterndsten Anlässe der Kriegsjahre erinnern. Das klar, aber trocken geschriebene und mit viel Statistik versehene zweibändige Werk wurde leidenschaftlich verschlungen, diskutiert und in 635 000 Exemplaren verkauft: der Bestseller-Rekord der Staatsdruckerei. Der Plan erschien unter dem Namen von Beveridge, weil ihn keines der anderen Komiteemitglieder zu unterzeichnen wagte, und wurde noch ergänzt durch sein Werk „Vollbeschäftigung in einer freien Wirtschaft“. Über mehr als 35 Jahre seines Lebens spannte sich also der Bogen eines intensiven Nachdenkens über soziale Probleme: es begann 1908 mit seinem für die Zeit sensationellen Buch „Arbeitslosigkeit – ein Problem der Industrie“ und fand endgültigen Ausdruck in seinem Plan von 1942.

Dabei war der Plan, der viel bereits Vorhandenes verbessern und rationalisieren sollte, nur in einer Hinsicht wirklich umwälzend: indem er die Sozialleistungen als Rechtsanspruch des Bürgers (d. h. des Einwohners ohne Rücksicht auf Nationalität) anerkannte.

Es ist vielleicht zur Erkenntnis der damaligen und seither gemachten Fehler lehrreich, sich die Grundsätze ins Gedächtnis zurückzurufen, von denen Beveridge ausging:

  • Keine bestehenden Gruppeninteressen sollten den Weg zu einer umfassenden Sozialversicherung aufhalten; da der Krieg (wie es damals der Fall war) die Klassengrenzen verwischte oder beseitigte, sollte die Gelegenheit benützt werden, ganze Arbeit und kein soziales „Flickwerk“ zu leisten.
  • Sozialversicherung gehört zu einer Politik echten sozialen Fortschritts; bei späterem vollem Ausbau mag sie ein Einkommen sichern, das die Not bannt. Aber Not ist nur eines von fünf Hindernissen, die dem sozialen Fortschritt und dem Nachkriegsaufbau im Wege stehen. Die anderen vier sind Krankheit, Unwissenheit, Schmutz und erzwungene Untätigkeit. Sie müssen ebenso energisch bekämpft werden. Die Ähnlichkeit der Beveridgeschen Thesen mit der Analyse von Malthus – 150 Jahre zurückliegend – ist nicht von der Hand zu weisen! Der Bericht entwickelte folgerichtig auch Ideen über Unterrichtsformen, das Wohnungswesen und die Vollbeschäftigung; aber den stärksten Anklang fand der Gedanke des freien Gesundheitsdienstes.
  • Soziale Sicherheit kann nur durch Zusammenarbeit zwischen Staat und Individium erreicht werden. Der Staat bietet Sicherheit, die Gegenleistung ist Dienst und Sozialbeitrag. Der Staat soll aber individuellen Leistungsanreiz und persönliche Verantwortung ermutigen, damit der sich nicht auf das „staatliche Minimum“ verläßt.